Wendezeit
„An jeder Ecke wurde gesprengt und gedüngt“

Seit dem Fall der Mauer haben die neuen Bundesländer wirtschaftlich aufgeholt. Dennoch klafft noch immer eine Lücke zwischen den ost- und westdeutschen Einkommensverhältnissen und der Wirtschaftsleistung. Verantwortlich sind dafür sind nicht zuletzt die Fehler der unmittelbaren Nachwendezeit.

DÜSSELDORF. Die wirtschaftliche Einheit Deutschlands hatte von Anfang an einen schlechten Start. Aus Sicht vieler Ökonomen war die Zeit nach dem Mauerfall am 9. November 1989 eine einzige Aneinanderreihung von Fehlern: Die viel zu frühe Währungsunion, die übereilte Lohnangleichung, die unsystematische Subventionierung, die geradezu hektische Privatisierung. Vor allem vor der schnellen Währungsunion warnten viele Wirtschaftsexperten, so auch Rüdiger Pohl, der zur Zeit der Wende Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung war. Rückblickend sagt er: „Alles, was wir befürchtet haben, ist eingetreten.“

In einem Brief an Kanzler Kohl hatten er und seine Kollegen davor gewarnt, dass eine Währungsunion hohe Lohnforderungen provozieren würde, was den ostdeutschen Unternehmen schaden würde. Die Ostdeutschen würden ihre Deutsche Mark zudem nicht mehr für Ostprodukte ausgeben, sondern vor allem im Westen kaufen. Auch das würde den ostdeutschen Unternehmen zusetzen. Helmut Kohl gab den Bedenken der Wirtschaftsexperten nicht nach. Ab dem 1. Juli 1990 hatte ganz Deutschland eine Währung: Die Deutsche Mark. Trotz der erheblichen Zweifel wurde die Währungsunion durchgesetzt.

Ökonomisch gesehen war diese frühe Währungsunion ein Fehler. Pohl räumt aber auch ein, dass eine Verzögerung realistisch betrachtet gar nicht möglich gewesen wäre. Die für die ostdeutsche Wirtschaft so verheerende rasche Lohnangleichung hätte es wahrscheinlich auch ohne Währungsunion gegeben: „Die Leute hätten eben umgerechnet.“ Und wenn man die Löhne erst später angeglichen hätte? „Das hätte die Bevölkerung nicht akzeptiert“, sagt Pohl.

Viele Entscheidungen der schwarz-gelben Bundesregierung nach dem Mauerfall waren geprägt von einem Gedanken: Die Ostdeutschen sollten nach Möglichkeit in Ostdeutschland gehalten werden. Zu viele DDR-Bürger strömten nach der Grenzöffnung in den Westen – 400 000 Menschen waren es im ersten Jahr. Ostdeutschland drohte auszubluten. „Die extrem hohe Mobilität war ein Korsett für die Wirtschaftspolitik“, erklärt Michael Burda, Professor für Wirtschaftstheorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Entgegen der ökonomischen Vernunft glich man deshalb rasch die Löhne an und schaffte eine einheitliche Währung. „Die Leute dachten doch: Entweder die DM kommt zu uns, oder wir gehen zur DM“, sagt Pohl. So mussten die Unternehmen nicht nur höhere Kosten durch höhere Löhne in Kauf nehmen, ihnen liefen auch noch die Kunden davon.

Der Westen versuchte, die Unternehmen im Osten zu unterstützen. In den vergangenen 20 Jahren erhielten die neuen Bundesländer Schätzungen zufolge zwischen einer und 1,5 Billionen Euro an Transferleistungen. Allerdings habe man dabei unglücklicherweise das Gießkannenprinzip verfolgt, sagt Burda. „An jeder Ecke wurde gesprengt und gedüngt.“ Nach Meinung des Experten wäre es besser gewesen, die finanziellen Hilfen stärker auf bestimmte Gebiete zu konzentrieren, zum Beispiel auf Magdeburg, das vor der Wiedervereinigung eine große Industrie gehabt habe.

Finanziert wurde die Unterstützung unter anderem durch die Aufnahme von Schulden. Auch hier machten die Politiker ökonomisch gesehen einen Fehler, sagen viele Experten. Die Wiedervereinigung hätte noch stärker durch eine Steuererhöhung finanziert werden sollen, und nicht durch eine Schuldenaufnahme zu Lasten nachfolgender Generationen. Politisch gesehen war die Entscheidung aber nachvollziehbar: Wenn der Staat Schulden aufnimmt, merkt der Bürger das nicht direkt selbst. Werden aber die Steuern erhöht, hat der Wähler sofort weniger in der Tasche. Die damalige Bundesregierung wählte also die populistische Variante.

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