Wenig Wettbewerb unter Krankenkassen
GKV und PKV – Experten fordern Reformen

Die Monopolkommission der Bundesregierung sorgt sich um das Gesundheitssystem. Experten fordern Wahltarife für gesetzlich Versicherte und bessere Wechselmöglichkeiten für Privatpatienten. Die Finanzierung ist in Gefahr.
  • 22

BerlinDie Monopolkommission der Bundesregierung hält mehr Wettbewerb um Qualität und Preise bei den gesetzlichen und privaten Krankenkassen für erforderlich, soll das deutsche Gesundheitssystem auch in einer alternden Bevölkerung finanzierbar bleiben. „Die Intensivierung des Wettbewerbs innerhalb der Krankenversicherungssysteme ist Voraussetzung, um eine bessere Versorgung für die Versicherten zu gewährleisten und die Kosten zu senken“, sagte der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach, am Dienstag bei der Vorstellung des 75. Sondergutachtens der Kommission zu Stand und Perspektiven im deutschen Krankenversicherungssystem.

Dieses ist – einmalig in der Welt – durch eine Besonderheit gekennzeichnet. Die meisten Menschen in Deutschland sind verpflichtet, sich gesetzlich zu versichern, weil sie als Arbeitnehmer ein Einkommen unter der Versicherungspflichtgrenze von derzeit 57.600 Euro im Jahr verdienen. Beamte, Selbstständige und Arbeitnehmer mit einem Einkommen oberhalb der Versicherungspflichtgrenze haben dagegen die Möglichkeit, sich privat zu versichern. Davon machen derzeit etwa neun Millionen Menschen Gebrauch, die bei einem privaten Versicherungsunternehmen voll versichert sind. 24 der 70 Millionen gesetzlich Versicherten machen von der Möglichkeit Gebrauch, für bestimmte Leistungsbereiche wie Zahnersatz oder Einbettzimmer und Chefarztbehandlung im Krankenhaus eine Zusatzversicherung abzuschließen.

Die Monopolkommission stellt in ihrem Gutachten die Unterscheidung zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung nicht grundsätzlich in Frage, macht sich also nicht Forderungen nach einer Bürgerversicherung zu eigen, wie sie derzeit von der SPD, den Grünen und der Linken vertreten werden. Sie fordert vielmehr mehr Wettbewerbselemente in beiden Welten: In der Welt der Privatpatienten und in der Welt der gesetzlich Versicherten.

Private Krankenversicherung (PKV) und gesetzliche Krankenversicherung (GKV) müssten vor allem die Chancen der Digitalisierung wahrnehmen, wie etwa eine bessere Prävention gegen Krankheiten durch individuelle, App-basierte Dienste oder besser abgestimmte Behandlungsabläufe durch die Vernetzung von Ärzten, Patienten und Versicherungen, heißt es in dem Gutachten.

Mit Blick auf eine bessere Vernetzung von Ärzten, Patienten und Versicherungen wünscht sich die Kommission, dass gesetzliche Krankenkassen das Recht erhalten, ihren Versicherten „Wahltarife“ anzubieten. Dabei schwebt der Monopolkommission vor, dass der bisherige gesetzliche Leistungskatalog Teil eines Standardtarifs wird, den alle gesetzlichen Kassen anbieten müssen. Die daneben von den Kassen anzubietenden Wahltarife sollen billiger sein als der Standard-Tarif. Dies soll dadurch ermöglicht werden, dass der Versicherte den Krankenkassen mit Abschluss des Wahltarifs das Recht einräumt, die medizinische Versorgung stärker zu steuern.

So könnte der Versicherte sich wie im bereits existierenden Hausarzttarif verpflichten, bei Erkrankung immer zuerst den Hausarzt aufzusuchen. Die Kasse soll zudem das Recht erhalten, im Rahmen eines Wahltarifs die Zahl der Leistungsanbieter, zu denen der Versicherte gehen kann, zu begrenzen. Dabei soll die Auswahl der Anbieter sowohl nach Kosten- als auch nach Qualitätskriterien erfolgen. Versicherte, die Ärzte aufsuchen, die nicht in ihrem Wahltarif enthalten sind, sollen dafür extra zahlen müssen - zum Beispiel eine Praxisgebühr. Für die Wahltarife sollen die Kassen Verträge mit den Leistungsanbietern ihrer Wahl schließen dürfen. Dabei spricht sich die Kommission ausdrücklich dafür aus, den Kassen auch das Recht zu geben, regional begrenzte Tarife aufzulegen.

Bislang schließen die Kassen gemeinsam und einheitlich Verträge mit allen Ärzten und Krankenhäusern auf Landesebene ab, die zur Versorgung von Kassenpatienten zugelassen sind. Dieses kollektive Vertragssystem wird mit dafür verantwortlich gemacht, dass das deutsche Gesundheitssystem wenig effizient arbeitet. „Wir zahlen für einen Porsche, bekommen aber nur einen Golf“ wird dieser Zustand von Experten kritisiert. Wahltarife mit einem gezielt ausgewählten Angebot von Ärzten und Kliniken könnten diese Effizienzprobleme vermeiden. Dabei soll der Tarifwettbewerb zwischen den derzeit 113 Kassen dafür sorgen, dass Wahltarife nicht zu einer Einschränkung oder Verschlechterung der Versorgung führen. Der Versicherte hat die Wahl und kann sich im Zweifel mit der Entscheidung für den Standardtarif auf die sichere Seite bringen.

Kommentare zu " Wenig Wettbewerb unter Krankenkassen: GKV und PKV – Experten fordern Reformen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Unser Gesundheitssystem hat ein Finanzierungsproblem aus den bekannten demographischen und anderen Gründen. Das frühere Leistungen nun nicht mehr übernommen werden, war vorherzusehen. Die Weichen hätten viel früher gestellt werden müssen.
    Aber den Kopf nun in den Sand zu stecken hilft nicht. Insgesamt müssen wir uns wohl damit abfinden, das die früheren Zustände nicht wiederhergestellt werden können.
    Das heißt aber nicht, dass keine Verbesserungen möglich wären.

  • Zuzahlung natürlich als gesetzlich Versicherter.

  • 1 x Zahnersatz, Implantat Made in China > Zuzahlung 2100 €!

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%