Wenige Politikberater haben theoretischen Tiefgang
Die Medienstars haben kaum Zeit zu forschen

Bei seinen Berufskollegen verursacht der Mann eine Mischung aus Neid und Bewunderung: „Hans-Werner Sinn ist ein brillanter Ökonom mit einem bemerkenswerten Mut zur Zuspitzung“, sagt ein ebenfalls renommierter Volkswirt über den Chef des Ifo-Instituts.

DÜSSELDORF. Sinn versteht es meisterhaft, wirtschaftliche Sachverhalte mediengerecht aufzubereiten. Wie kein zweiter Vertreter seiner Zunft steht er im Fokus der Öffentlichkeit: Wenn ein Printmedium in den vergangenen drei Jahren einen Ökonomen zitierte, war es in fast einem Fünftel der Fälle Sinn, zeigt das Handelsblatt-Ranking.

Und wenn es nicht Sinn ist, dann heißt ökonomischer Sachverstand für die Öffentlichkeit in Deutschland meist Bert Rürup, Karl Lauterbach, Klaus Felix Zimmermann oder Wolfgang Wiegard. Rund die Hälfte aller Zitate der 25 am stärksten in den Medien präsenten Ökonomen stammen von ihnen.

Aus dieser Liste stechen vor allem Zimmermann und Sinn hervor: Unter den Ökonomen, die regelmäßig und viel in den Medien zitiert werden, sind sie die beiden einzigen, die es auch im Forscherranking auf vordere Plätze schaffen. Sinn verpasste zwar knapp den Einzug in die Top-Ten der Forscher, aber dabei ist nicht berücksichtigt, dass er in besonders hohem Maße international beachtete wissenschaftliche Monografien veröffentlicht hat.

Neben Sinn und Zimmermann schafften nur zwei weitere Ökonomen den Sprung in beide Listen der Top 25. Darunter ist kein einziges Mitglied des Sachverständigenrates, von denen sechs aktuelle und ehemalige Mitglieder in die Top 25 des Medienrankings gelangten.

Zimmermann hält den Dualismus zwischen Forschern und Kommunikatoren für ein Manko: „Im Normalfall sollte ein Ökonom, der als Politikberater tätig ist, auch in der Forschung etwas zu sagen haben.“ In den USA gebe es eine viel größere Überschneidung. Dort hätten Top-Forscher eine weit geringere Scheu vor der Öffentlichkeit. „Bei uns sind viele Spitzenökonomen noch zu wenig bereit, sich auf das Spiel mit den Medien einzulassen.“ Zum Teil ist der Dualismus zwischen Forschern und Kommunikatoren auch eine Generationsfrage – in der Wissenschaft dominieren junge Ökonomen bis Mitte 40. In diesem Alter steht in der Regel noch die wissenschaftliche Karriere und nicht die Politikberatung im Vordergrund.

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