Weniger Bürokratie, größere Lohnunterschiede
Großbritannien wird immer flexibler

Für den britischen Schatzkanzler Gordon Brown sind flexible Arbeitsmärkte entscheidend für Wachstum und Beschäftigung. Er will Großbritannien zum "beschäftigungsfreundlichsten Land der Welt" machen - und der Rest Europas soll folgen.

LONDON. In der Tat ist die britische Bilanz vorbildlich: überdurchschnittliches Wachstum und eine Beschäftigungsquote von 74,7 Prozent der Bürger im Arbeitsalter. Wie hoch die Briten die Aufnahmefähigkeit ihres Jobmarktes einschätzen, zeigte sich bei dem Konkurs von Rover im Mai: Mitten im Wahlkampf gingen mehr als 4 000 Jobs verloren - doch kaum jemand regte sich auf.

Die meisten Experten sind sich einig, dass das flexiblere Verhältnis zur Arbeit entscheidend ist. Es schlägt sich in überdurchschnittlich hoher Teilzeitarbeit und einer großen Zahl von Selbstständigen nieder. Sechs Prozent der Beschäftigten haben zudem Zeitverträge. Zur britischen Wirtschaftsstärke gehören aber auch der bis vor kurzem ungebrochene Verbraucherboom und die hohe Nachfrage nach Dienstleistungen, die den dramatischen Abbau von Jobs in der herstellenden Industrie auffangen konnten.

Flexiblere Arbeitsmärkte auf dem Kontinent sind zudem Voraussetzung für Schatzkanzler Brown, einen Beitritt zur Euro-Zone auch nur zu erwägen. Er misst die Flexibilität außer an den Löhnen an der Anpassungsfähigkeit der Arbeitnehmer. So sollten sie bereit sein, sich auf neue Berufe umschulen zu lassen und guten Arbeitsplätzen hinterherzuziehen.

Der Arbeitsmarktexperte Richard Layard glaubt, dass für die britischen Erfolge hauptsächlich eines entscheidend ist: Wie viel Druck auf Arbeitslose ausgeübt wird, offene Stellen anzunehmen. Der Professor an der London School of Economics weist darauf hin, dass in Deutschland Anfang der 90er-Jahre Arbeitslosigkeit und die Zahl der offenen Stellen gleichzeitig stiegen. In Großbritannien dagegen sind Zahlungen für Arbeitslose niedrig und hängen von der Bereitschaft ab, Arbeit anzunehmen.

Doch auch die Lohnflexibilität ist wichtig. Sie ist in Großbritannien seit den Reformen Margaret Thatchers stetig gewachsen. "Die Unterschiede zwischen London und Nordengland zum Beispiel sind viel größer als zwischen West- und Ostdeutschland", sagt Layard.

Britische Arbeitsmärkte sind zudem stark individualisiert. Bonuszahlungen spielen als Ergänzung zu Lohnabschlüssen eine große Rolle. Das Schatzamt lobte in einer Analyse 2003 den "beträchtlichen Spielraum für Anpassungen". Damit geht einher, dass Großbritanniens Arbeitsmärkte sich regionalisiert haben: Nur in wenigen Branchen sind nationale Lohnverhandlungen der Gewerkschaften noch die Regel.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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