Westerwelle und die Fremdsprachen
Westerwelle: Latein und Altgriechisch

Eigentlich könnte Guido Westerwelle ganz gelassen bleiben. Das beste Wahlergebnis für die FDP aller Zeiten, Übervater Hans-Dietrich Genscher hat längst seinen Segen für das Amt des Außenministers gegeben, und auch ansonsten verhält sich die diskursfreudige FDP so diszipliniert wie nie. Doch etwas wurmt Westerwelle an diesem Tag ganz gewaltig.

BERLIN. Pressekonferenz in der Berliner Parteizentrale. Westerwelle begrüßt schon beim Betreten des Saals ein paar wartende Journalisten demonstrativ mit „Welcome“ und „Bienvenue“. Dann tritt er ans Rednerpult und sagt: „Die Präsidiumssitzung fand ausschließlich in deutscher Sprache statt.“

Die meisten Journalisten setzen ein breites Grinsen auf, macht doch die Geschichte vom BBC-Journalisten und dem wohl künftigen Außenminister seit Tagen die Runde.

Was war passiert? Auf der ersten Pressekonferenz Westerwelles nach dem Wahlsieg hatte er sich geweigert, einem Reporter der BBC die Leitlinien künftiger deutscher Außenpolitik auf Englisch zu erläutern. „Wir sind hier in Deutschland“, wies Westerwelle den Journalisten kühl ab. Da werde nun mal Deutsch gesprochen – nicht Englisch. Die britische Zeitung „The Independent“ sprach gleich mal von einem „neuen teutonischen Selbstbewusstsein“.

Objektiv gesehen ein Unding: Westerwelles Antwort ist auf dem internationalen politischen Parkett durchaus üblich. Keiner kann ihm einen Vorwurf machen. Doch in den Tagen danach hilft es nicht, dass sogar Genscher in die Kameras sagt: „Westerwelle soll kein Dolmetscher, sondern Minister werden.“ Zwei Clips, die sein Englisch dokumentieren, entwickeln sich zum Renner im Internet. Im ersten Filmchen ist der Disput zwischen Westerwelle und dem BBC-Reporter zu sehen. Im zweiten ebenfalls hunderttausendfach geklickten Einspieler „Westerwelle talking English“, der eine zwei Jahre alte Diskussion zeigt, hangelt er sich minutenlang bemüht durch die Debatte. Am Donnerstag legte hämisch Grünen-Chef Cem Özdemir nochmals nach – auch auf Youtube.

Alles eigentlich nicht wirklich der Rede wert. Doch Westerwelle kann die spöttischen Bemerkungen nicht verwinden. Zu einem Journalisten sagt er, er würde seine Frage auf Latein beantworten, wenn er sie auf Altgriechisch stellen würde. Einem anderen antwortet er frotzelnd: „Das hätte ich jetzt auch auf Englisch sagen können.“ Nur ein paar Minuten mit Fragen nach den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen sind vergangen, da kommt Westerwelle wieder auf den ihn schmerzenden Punkt zurück. Er erklärt noch einmal die Situation, in der er bei seiner Antwort auf die Frage des BBC-Journalisten gewesen sei. Eine kurze Nacht nach dem Wahlsieg, völlig übermüdet. In keiner der Hauptstädte in Europa dürfe man bei Pressekonferenzen außer in der Landessprache Fragen stellen, sagt er und schiebt trotzig hinterher: „Das gibt es nicht in London, das gibt es auch nicht in Paris.“

Dabei könnte Westerwelle doch eigentlich ganz gelassen sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%