What's right?
Das will die bürgerliche Mehrheit

Die Bundestagswahl hat die strukturellen Mehrheiten in Deutschland verschoben. Nach Jahren des Rückzugs wird das Bürgerliche stärker. Das ist ein Reflex auf die Überdehnung des Gouvernanten- und Umverteilungsstaates.
  • 20

Zwanzig Jahre lang liefen Sozialisten durchs Land und schwadronierten etwas von einer „strukturellen linken Mehrheit“ in Deutschland. Damit ist es vorbei. Denn zu den vielleicht nachhaltigsten Ergebnissen der Bundestagswahl gehört die Tatsache, dass Deutschland wieder eine strukturelle bürgerliche Mehrheit hat: CDU, FDP und AfD kommen zusammen auf 51,1 Prozent der Stimmen. Das linke Lager hingegen erreicht mit SPD (25,7 Prozent), Linkspartei (8,6 Prozent), Grünen (8,4 Prozent) und Piraten (2,2 Prozent) gerade 44,9 Prozent.

Damit verschieben sich die tektonischen Platten der Republik nach zwei Jahrzehnten wieder tief hinein ins Bürgerliche. Das hat Fernwirkungen nicht nur für die kommenden Landtags- und Europawahlen. Es deutet auch einen tiefgreifenden Kulturwandel an, dem sich die Parteien über kurz oder lang zuwenden müssen. Es werden sich Themen, Stile und Interessen der neuen, bürgerlichen Mehrheitskultur öffnen. Die Grünen betreiben diese Rückverbürgerlichung schon im Zeitraffertempo. Sie eilen von den Irrungen einer linken Trittin-Kampftruppe in die bürgerliche Wärmestube einer Kretschmann-Partei.

Das linke Zerrbild einer Republik, die zutiefst ungerecht, gespalten und mit sich im Verteilungskampf befindet, trifft das Selbstgefühl der Deutschen einfach nicht mehr. Und die linke Losung, dass nur der möglichst fette Staat die Probleme seiner Bürger löst, findet keine Mehrheiten mehr. Im Gegenteil verbreitet sich eine Grundstimmung, dass selbstbewusste Bürger ihre Angelegenheiten lieber selber regeln wollen, anstatt bevormundet, bürokratisiert, reglementiert und übersteuert zu werden.

Es geht also auch in Deutschland um das Thema „Bürgergesellschaft“ statt „Supernannystaat“. In den USA hat die politische Debatte sich bereits seit einiger Zeit von der Kritik am „Big Business“ zum Problem des „Big Government“ verschoben. Der aktuelle Streit um den „Shutdown“ zeigt das auf dramatische Weise.

Seite 1:

Das will die bürgerliche Mehrheit

Seite 2:

Neo-bürgerlicher Trend in vielen Teilen der Welt

Kommentare zu " What's right?: Das will die bürgerliche Mehrheit"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Herr Weimer sollte erst einmal seine Begrifflichkeiten so verwenden wie sie auch erklärbar sind, denn neo bürgerlich hat noch nicht einmal in den Nachschlagewerken Einzug gefunden. Vielleicht wird es sein großer Wurf der Wortschöpfung.
    Wenn es um das Bürgerliche geht sollte er vielleicht einmal bei seinem Kollegen Alan Posener nachschlagen unter starke-meinungen.de! Dieser Meinung möchte ich mich eher anschließen.
    Vielleicht meinte er ja neoliberal.Bei dieser politischen Strömung ging es um einen dritten Weg, weder kommunistisch noch kapitalistisch im Ursorungssinn.. Vor allem aber als Grundlage der sozialen Marktwirschaft, welche ja heute und immer wieder so herbeigerufen wird.
    Heutzutage ist neoliberal allerdings unter Wissenschaftlern als negativ mit einem Marktfundamentalismus bezeichnet und wird mit einer Wirtschaftspolitik ala R. Reagan und M. Thatcher verbunden. Irgendwie schleicht sich bei mir der Verdacht ein, dass dies genau das ist, was wir gerade erleben.
    Im übrigenverstehe ich nicht wie eine Europa feindlich gesonnene Partei wie die AfD als bürgerlich zu bezeichnen ist. Mein Bergriff dafür ist reaktionär.

  • Zukunftsmusik!
    Der Author irrt, das Bürgerliche ist noch nicht dominant, denn sonst hätte bei allem Selbstverschulde die FDP nicht mei der BTW herausfliegen können.
    Ich zweifele nicht daran dass die staatlichen Gängelungen einer zunehmend größeren Zahl gut Verdienender nicht behagen.
    Sie werden ihrem Missbehagen über deine SOLI-Fortsetzung 2019 Luft machen. Sie werden Aufbegehren gegen die unredliche Begründung, dass die Reichen sich doch etwar stärker an den Gemsinschaftaufgaben beteiligen sollten! Das wird Ihnen (den Bürgerlichen) klar, dass die von einem Finazminister Steinbrück ehedem eingeführte und seitdem beibehaltene Abgeltungssteuer die Vearschung der Gut- und Normalverdiener darstellt, das sie das größte Steuergeschenk für alle darstellt, deren persönlicher Steuersatz darüber liegt.

  • [...] Sicherlich gibt es Auswüchse der Bevormundung (den Veggie-Day hat allerdings niemand ernsthaft gefordert) und beim gender mainstreaming.
    Aber sie verkennen insgesamt völlig die Richtung. Umverteilung ist ein großes und wichtiges Thema und wird wichtig bleiben. Die berühmte Schere zwischen Arm und Reich geht ja derzeit noch weiter auf.
    Und das bürgerliche Lager hat sich nur vergrößert weil Angela Merkel jede Menge "linke" Themen (Atomausstieg, Beedingung der Wehrpflicht, etc) durchgeboxt hat.
    Die Linke hat also weiterhin das Sagen, wenn auch die Wahlen anders ausgehen, so treibt die Linke weiterhin das Bürgertum vor sich her.
    [...]

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%