What's right?

Der Grexit wäre gut für Europa

Deutschland geht an jede Schmerzgrenze, um Griechenland im Euro zu halten. Doch der Schaden dieser Politik wird größer. Europa wird durch Rechtsbrüche alles andere als zusammenwachsen.
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Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

BerlinGriechenlands schillernde Regierung führt Europa seit Monaten am athenischen Nasenring durch ihre Manege der Provokationen. Im echten Leben hätte man dieser Extremisten-Combo längst die Leviten gelesen. Im echten Leben würde man nicht akzeptieren, dass man hart erarbeitete Freundeshilfe als Waterboarding diffamiert, dass man vertrauliche Gespräche auf Tonband aufzeichnet, dass man sich den Stinkefinger zeigt und darüber lügt, dass man Europas Helfer als Sadisten beschimpft, dass man den IWF (der Geld aus aller Welt zur Hilfe Athens herbeiholt) als kriminell brandmarkt, dass man Deutschlands Finanzminister als Nazi verunglimpft, dass man die Troika-Helfer wie reuige Hunde grinsend aus der Stadt jagt. Im echten Leben hätte man nach all den Beleidigungen, Mogeleien und Veruntreuungen längst das „Es reicht“ ausgesprochen.

Doch in der Europäischen Union herrscht ein unechtes Leben. Dort widerspricht man nicht, sondern führt ein Neuspeech ein. Die Troika heißt jetzt „Institutionen“. Die Insolvenz-Verschleppung nennt man Rettung. Und die milliardenschwere Fluchtgeld-Finanzierung reicher Gleichen durch die EZB wird „Liquiditätshilfe“ genannt. Europa mimt Streichelzoo, wo in Wahrheit ein rücksichtsloser Elefant im Porzellanladen gerade Sirtaki tanzt. 

Diese bis zur Selbstverleugnung reichende Hingabe an die Konfliktvermeidung hat eine ehrenwerte Seite. Herzenseuropäer wollen mit ihr ein Haus der Kompromisse, des Ausgleichs, des Friedens bauen. Darum verdient es Respekt, wie sehr Angela Merkel und Wolfgang Schäuble gleich reihenweise Schmerzgrenzen überschreiten und diplomatische Ruhe bewahren, um Griechenland unbedingt im Euro zu halten.

„Wir müssen zu einem Dialog mit Erwachsenen kommen“
Yanis Varoufakis und Christine Lagarde
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„Meiner Meinung nach ist es das Dringendste, wieder zu einem Dialog mit Erwachsenen im Raum zu kommen.“

IWF-Direktorin Christine Lagarde am Donnerstag in Luxemburg über die Verhandlungen der internationalen Geldgeber mit der griechischen Regierung.

Alexis Tsipras
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„Es wird eine Lösung geben, die Griechenland eine Rückkehr zu Wachstum innerhalb des Euro ermöglicht.“

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras begrüßt den Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs der Eurozone am Montag als positive Entwicklung.

Pierre Moscovici
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„Ich will kein modernes Waterloo, in dem wir einen Staat gegen alle anderen vorfinden.“

EU-Währungskommissar Pierre Moscovici beim Eurogruppentreffen in Luxemburg zur Griechenland-Krise. Am Donnerstag jährte sich die Schlacht von Waterloo zum 200. Mal.

Greek PM Tsipras steps out to greet Austrian Chancellor Faymann in Athens
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„Wir hoffen, dass die abschließende Verhandlungsrunde auf höchster politischer Ebene in Europa stattfinden, und wir arbeiten jetzt daran, dass dieser Gipfel ein Erfolg wird.“

Alexis Tsipras blickt auf den Sondergipfel am Montag.

George Osborne
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„Wir drängen die griechische Regierung, eine Einigung zu erzielen. Wir hoffen auf das Beste, aber wir müssen jetzt auf das Schlimmste vorbereitet sein.“

Großbritanniens Finanzminister George Osborne bereit sich auf alles vor.

Donald Tusk
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„Es ist Zeit, dringend über die Lage in Griechenland auf höchster politischer Ebene zu sprechen.“ (Donald Tusk)

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem und der Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk nach dem Gipfel in Brüssel (von links).

Benoit Coeure
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„Morgen ja. Montag - ich weiß es nicht.“

EZB-Ratsmitglied Benoit Coeure auf die Frage, ob die griechischen Banken am Freitag öffnen könnten.

Und doch hat diese Strategie auch eine Kehrseite. Denn gerade die europäische Idee nimmt zusehends Schaden, wenn man Europas Haus baut wie eine Waldorf-Schule, in der sich alle nur an den Händen fassen und ihre Namen tanzen dürfen, obwohl auf dem Schulhof längst schwere Drogen gehandelt werden. Der Schaden, den die Strategie der Super-Konzilianz anrichtet, ist dreifacher Natur:

Erstens bestraft diese Strategie die Anständigen und Fleißigen. Staaten, Institutionen und Politiker, die sich an solidarische Abmachungen halten, die sich auf den Weg mühsamer, aber ehrlicher Reformen begeben, werden den Dreisten und Moglern gegenüber benachteiligt. So haben sich eine ganze Reihe von Staaten Osteuropas und des Baltikums, aber auch Portugal und Spanien seriös und hart herausgearbeitet aus der Krise, zuweilen sind ihre Sozialleistungen geringer als die in Griechenland. Nun aber sollen sie für die reformunwilligen Griechen zahlen und auch noch gute Mine zum bösen Spiel machen. Damit würde Europa, das sich gerne so sozial geriert, eine grobe Ungerechtigkeit zementieren. Der Anständige wäre im unfairen Rettungseuropa der Dumme.

Zweitens: die Folgen politischen Egoismus'
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34 Kommentare zu "What's right?: Der Grexit wäre gut für Europa"

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  • Und weil man die Zukunft nicht voraussehen und planen kann, geht man nicht solche Risiken ein. Schon gar nicht, wenn es das Geld anderer Leute ist.

  • Europa kann nicht zerstört werden. Die europäischen Länder bestehen und gedeihen mehr oder weniger weiterhin. Was zerstört werden kann, das ist der bürokratische Moloch in Brüssel und der Wahntraum einiger weniger vom einigen Europa.
    Das Gute an Träumen ist, daß man immer wieder in der Realität aufwacht.

  • Herr Falk,
    ein solcher Vertrag, wo niemand ein Austrittsrecht hat, ist mMn kriminell

  • Frau Merkel wird als die Kanzlerin in die Geschichtsbücher eingehen, die Europa zerstört hat.
    Sie kann es halt nicht lassen. Rumspitzeln hat sie ja gelernt.
    Jetzt spitzelt sie für die USA und führt alle Befehle von Obama aus.
    So unselbständig wie seit Merkel Herrschaft, war Deutschland noch nie

  • Renatus Isenberg
    ich glaube, Sie könnten Reht haben

  • "Doch der Schaden dieser Politik wird größer. Europa wird durch Rechtsbrüche alles andere als zusammenwachsen. "

    Das hat aber nichts mit Griechenland zu tun. Oder?

  • Leider, Herr Schmitt, üben NATO und die USA bis hin zu ihrem Präsidenten tatsächlich seit geraumer Zeit in der Griechenland-Frage Druck auf die EU und auch auf die Kanzlerin aus. Die sieht sich dadurch natürlich in ihrer nicht zu akzeptierenden Position einer beinahe pathologisch anmutenden "Alternativlosigkeit" bestärkt. Zu den Hintergründen liest man etwa hier: http://www.rtdeutsch.com/20346/inland/usa-ueben-druck-auf-merkel-aus-wegen-geopolitischer-bedeutung-als-nato-land-soll-griechenland-auf-jeden-fall-im-euro-bleiben/ oder auch hier: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2015/05/19/merkel-folgt-den-usa-griechenland-muss-wegen-nato-im-euro-bleiben/. Es ist eine Schande, wie unsere Regierungen [übrigens auch in der Vergangenheit und die aller Couleur] sich s. g. Freunden beugen. Wenn die NATO am Euroaustritt Griechenlands zerbrechen würde, hätte sie ohnehin gefährlich breite Risse. In der NATO befinden sich schließlich seit Jahrzehnten eine Reihe von Staaten, die nicht Euro-Mitglieder sind.
    Obwohl ich mich nicht zu den Verschwörungstheoretikern zähle (trotzdem wichtig, dass es die gibt...) und schon gar kein "Wladimir-Versteher" bin, halte ich zumindest den ersten Teil der Überlegungen von Hr. Renatus Isenberg für zulässig, ja gewichtig. Damals waren jenseits des Teiches Politiker und Lobbyisten hinter den Kulissen am Werk, denen man einiges zutraut.

  • Weder Neid noch Hass, eher Kritik oder Lob sollte man für unsere europäischen Nachbarn haben. Im Fall von GR scheint es, jemand habe uns Europäern Knüppel zwischen die Beine geworfen, damit wir nicht mehr normal laufen können in Europa.

    Immer wieder stösst mir das Grüne Licht von Goldman Sachs auf, dass praktisch GR in den Euro gehoben hat. War zu dieser Zeit schon ein Plan in Amerika gereift, Zwietracht durch Ungleichheit in Europa zu säen? Wusste man in den USA viel besser als in Europa, dass man mit GR ein nicht kompatibles Land in die EU brachte, das die ganze EU gefährdet? Den Euro lieber heute als morgen verschwinden sehen würde aus 19 Staaten und den Euro durch eine Zentral Europäische Mark von maximal 7 Staaten ersetzen würde, die sich weder durch Russland Treue noch Amerika Treue hervortun, sondern Europäische Demokratie Geschichte geschrieben haben. Diese neue Mark wird nicht die Stärke einer DM haben aber auch nicht die Wackebeine eines Euro, der mir nichts Dir nichts von Herrn Draghi im Auftrage Amerikas mal eben 40% schwächer gemacht wurde. Wer sich das überlegt, kann doch nur zum Schluss kommen, dass wir in der EU eine Provinz der USA sind. Gleichzeitig sagen hohe Politiker in den USA, dass sie keine Beziehungen mit Europa haben sondern mit einzelnen Ländern und diese Länder gegeneinander ausspielen wollen, damit die Stärksten ( damit sind wohl wir in der Mitte gemeint) niemals zu stark werden.
    Das passt alles zusammen - Griechenlands organisierte Krise, Ukraine Regierungswechsel, RU Sanktionen, Auszeichnung von ukrainischen Soldaten in Kiev von amerikanischen Offizieren, die die ukrainische Armee "unser Heer" nennen, Nato Aufrüstung an die russische Grenze.
    Damit wird ein Korridor zwischen Deutschland und Russland gelegt, der offenbar D daran hindern soll, normale kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen mit Russland weiter zu entwickeln, um andere Weltmächte nicht zu schwächen.

  • @Weisinger
    So isses. Die Gelder aus den Privatkrediten wurden doch grösstenteils genauso verjubelt wie die öffentlichen Rettungsgelder. Und dass die Lagarde-Liste unbearbeitet bleibt, sagt ja wohl alles über das griechische Polit- und Oligarchensystem aus.

    Und dieses Sytsem wurde von den Griechen immer wieder gewählt - genau so übrigens, wie das deutsche System von den deutsche Wählern wieder und wieder bestätigt wird.

  • Die EU ist das grösste Fehlkonstrukt der letzten 100 Jahre! Siechenland wird den linken EU-Politikern( hauptsächlich aus Deutschland) hoffentlich noch den Rest geben.Mir wird schon langsam klar, warum England langsam genug hat von diesem unfähigen Verein. Und die Schweiz wird gottseidank nie beitreten, weil sich dieses Konstrukt von selbst abschaffen wird.

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