What's right?
Die linke Boy-Group

Thomas Piketty, Paul Krugman und auch Yanis Varoufakis sind die akademischen Stars der letzten Sozialisten. Sie werden gefeiert wie geistige Che Guevaras. Doch ihre Analysen künden mehr von Ideologie als von Substanz.
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Linkssein gerät seit einigen Jahren etwas außer Mode. Es erinnert im besseren Fall an Gewerkschaftsseminare in Kunststoffhemden, an zeigefingernde Bevormundungslehrer und an ältere Männer mit Vaterproblemen. Im schlechteren Fall wittert man „Die-Partei-hat-immer-Recht“-Betondenker, sozialistischen Stacheldraht und Halbunterdrücker wie Venezuelas Hugo Chavez oder Ganzdiktatoren wie Nordkoreas Kim Jong Un. Während das Rotsein einst kuschel-warm-mitfühlend war, wirkt es zusehends kalt, kratzig oder kasernenhaft.

Doch nun gibt es Thomas Piketty. Er ist so etwas wie der intellektuelle Che Guevara der Neolinken. Der Franzose sieht aus wie Christian Heidel, der Manager vom FSV Mainz 05, kann scharf links denken wie Oskar Lafontaine und schwadronieren wie Joschka Fischer. Sein Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ ist zur neuen Sozialistenbibel all jener geworden, die den Glauben an den Klassenkampf schon fast verloren hatten. Ein Millionenseller des Weltbuchmarktes. Alle verlorenen Seelen des Sozialismus haben es gekauft wie einen Rettungsanker ihrer untergegangenen Ideologie.

Piketty – einst als wirtschaftspolitischer Berater der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal gescheitert – wärmt in dem Buch im Wesentlichen die marxistische These auf, wonach der Kapitalismus die Kapitalisten immer reicher, die Arbeiter aber immer ärmer mache. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen würde systembedingt immer ungleicher.

Pikettys Berechnungen sind inzwischen von der Wirtschaftswissenschaft mehrfach widerlegt worden, schon weil der vermeintliche Kapitalisteneffekt sich im Wesentlichen auf Immobilienvermögen, nicht aber auf Produktivvermögen beziehe. Für seine Fanbrigaden macht das keinen Unterschied. Die Leser des linksliberalen Leitmagazins „Prospect“ haben ihn nun sogar zum wichtigsten Denker unserer Zeit gewählt.

An zweiter Stelle liegt – der Horizont linken Denkens ist hellenistisch klein – doch tatsächlich der griechische Finanzminister und Vulgärsozialist Yanis Varoufakis vor der kanadischen Globalisierungsheulsuse namens Naomi Klein. Sie hat in ihrem jüngsten Buch den Klimawandel in einen anti-kapitalistischen Kontext gerückt, so dass sie jetzt als rot-grüne Globalideologin für Furore sorgt. Auf der Liste der Linken-Lieblinge sind auch seriöse Geistesgrößen wie der deutsche Philosoph Jürgen Habermas und die indische Schriftstellerin Arundathi Roy.

Aber ganz vorne findet sich neben Piketty und Varoufakis noch der New York Times Kolumnist Paul Krugman, immerhin Nobelpreisträger wie sein Bruder im Geiste Joseph Stiglitz. Krugman und Stiglitz tragen die rote Fahne eines aggressiven Keynesianismus durch die Welt, sie irren sich mit ihren Prognosen regelmäßig, aber ebenso regelmäßig werden sie als wortgewaltige Säulenheilige in staatsgläubigen Polit-Kathedralen verehrt.

Kommentare zu " What's right?: Die linke Boy-Group"

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  • Was weist eigentlich Herrn Weimer als sachverständigen Ökonomen aus?

    Solche Kommentare verlangen dringend nach einem eigenen Forum. Das Motto könnte lauten: "Die Superreichen können auch Witze reißen lassen". Und der Titel: "God gave it" -- den Amerikanisch und Gott müssen schon sein.

  • Wie schon damals in der Schule vertragen unsere linken Mitbürger keine Kritik. Selbst sind sie Meister im Austeilen, aber einstecken konnten die Linken noch nie. So sind die zahlreichen beleidigenden Kommentare auch kein Wunder.
    Ich persönlich bin jedoch dankbar für Herrn Weimers Beiträge. Sie sind eine wohltuende Abwechslung im rot-grünen Einheitsbrei unserer Medienlandschaft.

  • Sie wollen aber doch nicht ernsthaft sozialistisch mit solidarisch gleich setzen?

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