What's right?
Die Mär von der Sparpolitik

Das linke Spektrum Europas wettert seit Monaten gegen „Merkels Spardiktat“, „brutale Schuldenbremsen“ und „Austeritätspolitik“. Die Wahrheit sieht radikal anders aus. Europa drückt kollektiv aufs Schuldenvollgas.
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Anderthalb Milliarden Euro. So hoch ist die derzeitige Neuverschuldung der 19 Euro-Länder – und zwar täglich. In Zahlen: 1.500.000.000 Euro – zum Frühstück eine halbe Milliarde, zum Mittagessen eine halbe Milliarde und abends gönnt man sich noch mal 500 Millionen. Tag für Tag, und zwar ganz neue Schulden. Die Entwicklung ist für optimistische Gemüter rasant, für seriöse Zeitgenossen riskant, für Skeptiker wirkt sie katastrophal. Denn Europa steigt im wankenden Schuldturm immer schneller immer weiter empor.

Die neuen Daten von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union, sprechen eine klare Sprache. Demnach sind die Schulden der 19 Euro-Länder im ersten Quartal 2015 um atemraubende 134,6 Milliarden Euro auf den historischen Rekord von 9,433 Billionen Euro gestiegen. Sie belaufen sich nunmehr auf 92,9 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ebenfalls ein historischer Rekord des Unseriösen. Kurzum: In dieser Euro-Zone zieht keiner an der viel zitierten Schuldenbremse, sie drückt vielmehr kollektiv aufs Schuldenvollgas.

Die nackten Zahlen stehen nicht bloß in einem eklatanten Widerspruch zu den Grundlagenverträgen der Währungsunion und der legendären 60-Prozent-Marke von Maastricht, an die sich keiner mehr hält – als sei das damals bloß so ein lustige Idee gewesen.

Es steht auch diametral zum Politsprech der regierenden Klasse. Denn dort hört man seit Monaten nur ein Klagelied, und zwar das von der Sparpolitik, ja dem „Spardiktat“, das Europa von den strengen Deutschen aufgezwungen bekomme. Alle linken Parteien und Gruppierungen sowie der gesamte vorpolitisch rote Raum lästern lauthals über die angebliche „Austerität“, Europa werde „kaputt gespart“. Die Linkspartei fordert gar eine EU-Volksabstimmung gegen die „Sparpolitik“.

Der Parteichef der regierenden französischen Sozialisten greift in der Spardebatte nun sogar tief in die historische Vorwurfskiste. In seinem auf der eigenen Internetseite veröffentlichten Brief forderte Jean-Christophe Cambadelis die Deutschen auf, ihre Rolle in der internationalen Politik zu überdenken. Europa „versteht die Sturheit Eures Landes nicht, blind den Weg der Sparpolitik zu verfolgen“, schreibt Cambadelis.

Der Brief ist auf Deutsch mit „Mein lieber Freund“ überschrieben. „Hat Euer Land die Unterstützung vergessen, die Frankreich schon kurz nach den in Eurem Namen begangenen Gräueltaten gewährte?“, fragt Cambadelis mit Blick auf den Nationalsozialismus. „Frankreich und Europa haben Deutschland zu der Macht werden lassen, die es heute ist.“ Dann appelliert Cambadelis, die harte Sparpolitik müsse sofort beendet werden: „Mein lieber Freund – Deutschland muss sich zusammenreißen – und zwar schnell.“

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„Sparen zerstört Europa“

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  • Von 1991 bis 2013 ist das BIP um ca. 33% gestiegen und damit der Wohlstand, wenn JEDER an dieser Steigerung partizipiert hat.
    Löhne sind allerdings im gleichen Zeitraum um ca. 2% gestiegen und Renten sogar um ca. 11% gesunken.
    Das sind reale Zahlen von Löhne/Renten/Preise/Rentenversicherungen/destatistik 2014
    Wer das nicht glaubt kann noch ganz andere Abzockmodalitäten gegen einen Teil der Bürger in Deutschland unter www.seniorenaufstand.de nachlesen.
    Es sind übrigens keinesfalls nur Senioren betroffen.

  • "Wenn Merkel morgen sagt, richtig, Austeritätspolitik war ein Irrtum. Was passiert dann in Fratalien? Verschuldung Megasize."

    Richtig Merkels Politik muss sich entscheiden, will man den Konflikt mit Italien und Frankreich weiter meiden und das (Euro-)Geldsystem zerstören oder nicht.

    Im ersteren Fall muss Deutschland SOFORT die Hartz-Gesetze zurücknehmen und ein Billionen schweres Geldausgabeprogramm veranlassen, welches auch den Aufkauf von werthaltigen Assets in den Euro-Ländern als Ausgleich für die von der EZB illegal im Rahmen ihrer Staatsfinanzierung aufgezwungenen faulen Staatsanleihen beinhaltet, und sich so an die Spitze der Kreditbetrüger setzen, so dass wenigstens etwas auch in Deutschland hängen bleibt. Ansonsten stehen wir beim bei dieser "Nach mir die Sintflut"-Politik allfäligen Reset wie Hans im Glück am Ende mit nichts da und brauchen zum materiellen Schaden auch für Spott und ramponiertes Image nichts weiter tun.

    Entscheidet sich Merkel für den Weg des Rechtsstaates, muss Sie der italofranken Realitätsverweigerung unverzüglich ein STOPP entgegen setzen oder endlich eine europaweite Vermögensteuer auf ales (immobilien, Aktien, Sparguthaben, Land etc.) zum Schuldenabbau auf den Weg bringen. Laut Vermögensstatistik der EZB gibt es einiges an Potential zur Selbsthilfe in den reformfaulen Ländern zu heben, so dass sie nicht in Deutschland betteln müssen. Es würde die Lasten somit "gerecht" zwischen oben und unten sowie Nord und Süd bzw. allgemein Profiteuren und Opfern des Eruo-Wahnsinns verteilen.

  • Die aggressive vulgärsozialistische Realitätsverweigerung macht vor nichts mehr halt. Kriminelle Schulden- und Kredibetrugsexzessee werden als "Austerität" diffamiert und eine rationale Einwanderungspolitik, welche zwischen politisch Verfolgten und wirtschaftlich Unzufriedenen unterscheidet sowie die Integrationsfähigkeit im Blick behält also notwendig "diskriminiert", wird als "Rassimus" verunglimpft. Mit dieser demokratiefeindlichen, den rechtsstaa aushebenlnden propagandistischen & praktischen Polarisierung befördern die vulgärlinken Trolle das, was sie vermeintlich kritisieren: Armut und Rassismus.

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