What's right?
Die Nahles-Reformen entgleisen

Andrea Nahles hat mit Mindestlöhnen, Mütterrente und 63er-Rente die deutsche Agenda-Politik revidiert. Nun geraten die Kosten dafür aus den Fugen. Es wird Zeit für eine grundlegende Öffnung des Rentensystems.
  • 10

Es ist als gebe es Freibier. Ein regelrechter Run setzt ein. Schon 163.000 Anträge auf eine vorgezogene Rente mit 63 sind bereits gestellt. Die Behörden kommen mit der Bearbeitung kaum nach, doch 110.000 Anträge sind schon genehmigt, und die Zahl der Antragsteller steigt rapide an.

Damit stürzt sich Deutschland in die größte Frühverrentungsaktion seiner Geschichte. Ausgerechnet jetzt, da Fachkräfte knapp sind und die Wirtschaft jeden (vor allem die Erfahrenen) brauchen kann. Und just hinein in den massiven Alterungsschub der Gesellschaft, der uns eher länger als kürzer arbeiten lassen müsste.

Die Nahles-Rentenreform wirkt wie eine Vollbremsung für das agenda-dynamische Deutschland. Vor allem aber wird sie dramatisch teuer. Viel kostspieliger als die Sozialministerin es versprochen hatte. Ursprünglich hatte die Regierung angenommen, dass es 50.000 zusätzliche Frührenten pro Jahr geben wird.

Da wir in diesem Jahr zwei Jahrgänge haben, die den Antrag stellen können, wären es 100.000 nach Nahles’ Rechnung. Stattdessen haben wir schon jetzt 163.000. Und in den kommenden Jahren werden es deutlich mehr - wegen der geburtenstarken Jahrgänge.

Kurz und schmerzhaft: alle Kolumnen

Kolumnenkabinet

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung geht von spektakulären 300.000 bis 450.000 Antragstellern pro Jahr aus. Optimistischere Rentenexperten rechnen „nur“ mit 100.000 bis 150.000 zusätzlichen Frühverrentungen. Auch dies wäre doppelt soviel wie die Regierung anfangs unterstellt hat.

Damit sind auch alle Finanzkalkulationen Makulatur. Die Rente mit 63 wird ein Multi-Milliardengrab. Selbst die Deutsche Rentenversicherung hat schon Ende 2013 vor Mehrausgaben im Bereich von vier Milliarden Euro pro Jahr gewarnt, während der Gesetzentwurf nur runde zwei Milliarden Euro nennt. Reinhold Schnabel, Professor für Finanzwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, schlägt Alarm, die Bundesregierung habe nicht nur die Zusatzausgaben viel zu niedrig eingeschätzt:

„Die Einnahmeausfälle waren in der Zahl von rund zwei Milliarden für die Rente mit 63 nicht enthalten. Aber wer die Rente mit 63 in Anspruch nimmt, hat in der Regel eine Beschäftigung. Beim Wechsel in die Rente fallen auch die Löhne weg und somit die Beiträge zur Rentenversicherung. Weitere Ausfälle haben wir bei der Kranken-, Pflege und Arbeitslosenversicherung - und Steuerausfälle kommen auch noch hinzu“. Sein Fazit: „Die Rente ab 63 ist ein Programm zur Senkung der Beschäftigung.“

Seite 1:

Die Nahles-Reformen entgleisen

Seite 2:

„Es wird eine Reform der Reform geben“

Kommentare zu " What's right?: Die Nahles-Reformen entgleisen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • 'Den Leserzuschriften ist zu entnehmen, daß einige Schreiber/in noch immer im Realitätsverlust leben. Sie sind unfähig zu erkennen, daß ihre Beiträge primär für die Rente der Eltern aufgebraucht wurden. Sie profitieren somit nur mit einem Anteil ihrer Beiträge für die eigene Rente und sind daher auf die Beitragszahlungen ihrer Kinder angewiesen. Dieses Verfahren ist uns allen als "Generationenvertrag" bekannt. Liebe Leute begreift es endlich.

    Sie sollten auch erkennen, daß Politiker -naiv und vom Ralitäetsverlust geprägt - ein Problem angeblich lösen gleichzeitig aber 100 neue Probleme aufbauen.

  • Den Leserzuschriften entnehme ich, daß einige Teilnehmer noch immer im Realtitaetsverlust Leben. Diese Leute glauben immer noch sie hätten für sich selbst die Beiträge eingezahlt. Leider ist dies nicht so.
    Wer z.B. 45 Jahre eingezahlt hat, dies im Rahmen des Generationvertrages primär zum Unterhalt seiner Eltern getan. Er selbst kann nur auf einen entsprechenden Anteil - nach dem Tod - seiner Eltern rechnen. Damit ist er also im Rahmen des Genrationenvertrages auf die Beiträge seine Kinder angewiesen um eine angemessene Rente zu erhalten.

    Ansonsten ist es uns doch allen klar, daß die realitästverlust und naive Politk ausschließlich´Probleme macht aber niemals löst.

  • Zitat: "Ich denke einmal laut darüber nach, die Rentenbezugsdauer auf 5 Jahre zu begrenzen."

    ... und dann die Notschlachtung? Das käme den Zuständen im Film: "…Jahr 2022… die überleben wollen" schon sehr nahe.

    Es geht doch viel, viel simpler. Würden Sozialabgaben ohne Berücksichtigung einer Bemessungsgrenze mit gleichem Prozentsatz auf ALLE Einkommen (Lohn, Gehalt, Renten, Zinsen, Mieten, Spekulationsgewinne ...) erhoben, hätten wir ein einfaches, gerechtes Sozialsystem. Das will man wohl nicht, weil damit die reichsten 5 % oder 10 % der Bevölkerung etwas mehr bezahlen müssten, während alle anderen entlastet würden. Das ist in einer Demokratie nur schwer durchzusetzen. ;)

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%