What's right? Die Welt lässt Deutschland mit Flüchtlingen allein

Deutschland ist bei der Aufnahme von Flüchtlingen großzügig. Gut so. Aber die deutsche Gutmütigkeit wird zusehends ausgenutzt – von EU-Partnern und arabischen Despotien. Es wird Zeit, darüber zu verhandeln.
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Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.
Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

So viele Flüchtlinge in Europa gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Kriegsvertriebene aus dem arabischen Raum, Hungerflüchtlinge aus Afrika, Armutsflüchtlinge vom Balkan. Es kommen Hunderttausende, und sie kommen vor allem nach Deutschland. Die Deutschen demonstrieren dabei - das sollte man einmal lobend feststellen - ein bravouröses Beispiel an Hilfsbereitschaft.

Bis in die kleinsten Dörfer hinein reicht man den Migranten helfende Hände, es werden im ganzen Land neue Herbergen hergerichtet, alles Nötige zur Versorgung wird beigebracht. Von Kiel bis Kempten sind dieser Tage viele damit befasst, einfach zu helfen, wo man nur kann. Tausendfache, zum Teil rührend liebevolle Hilfsprojekte sind gestartet, die Empathie ist enorm und wirft ein schönes Licht auf die humanitäre Haltung unseres Landes.

Gleichwohl wird die schiere Zahl der Flüchtlinge langsam so groß, dass es vielerorts zu Problemen kommt. Ein Landkreis nach dem anderen schlägt Alarm, eine Stadt nach der anderen fühlt sich überfordert. Politische Streitigkeiten um die Finanzierung der Flüchtlingshilfen haben begonnen und es wird nicht lange dauern, dann werden Stimmen laut, die latente Ängste schüren, auch weil unter den Flüchtlingen viele Muslime sind.

Die Bundesregierung ist also gut beraten - schon um die vorbildliche Hilfsbereitschaft im Lande nicht zu verraten - das Thema wichtiger zu nehmen als bislang. Dazu gehören nicht nur rasche, unbürokratische Hilfen für die Kommunen. Es muss auch ein außenpolitischer Master-Plan her.

Denn die bemerkenswerte Gutmütigkeit der deutschen Bevölkerung sollte nicht ausgenutzt werden. Das wird sie aber zusehends. So machen sich viele EU-Staaten bei dem Thema einen schlanken Fuß, nehmen nur wenige oder gar keine Flüchtlinge auf. Oder schicken Schutzsuchende systematisch zu Zehntausenden gezielt und unter unwürdigen Umständen nach Deutschland.

Das widerspricht nicht nur den Abmachungen innerhalb Europas, es ist für Deutschland grob unfair. Den ersten Vorstoß deutscher Politik, man möge den Flüchtlingsstrom doch mittels Quoten einigermaßen fair verteilen, lässt die Mehrheit der EU-Staaten einfach an sich abperlen. Die Quote für die Verteilung wird offiziell „mehrheitlich abgelehnt“. Einfach so. Das aber ist nicht akzeptabel, die Bundesregierung wird sich hier stellen müssen.

„Das ist für Europa ein Skandal“

Portugal nimmt pro Monat keine 50 Personen auf. Spanien hat minimale Zahlen, obwohl viele Flüchtlinge über Spanien in die EU kommen. Ganz Osteuropa hält sich zurück, Großbritannien auch. Jeder zweite Flüchtling in Europa wird hingegen von Deutschland und Schweden aufgenommen, erklärt Innenminister Thomas de Maizière. Das ist für Europa ein Skandal.

Denn die Verträge sehen vor, dass die Ersteinreiseländer die Registrierung und die Bearbeitung der Asylanträge übernehmen müssen. Dieser Verpflichtung aber kommen sie kaum nach. Alleine das Bundesland Nordrhein-Westfalen nimmt derzeit so viele auf wie die Küstenstaaten Portugal, Spanien, Griechenland und Italien zusammen genommen.

Im laufenden Jahr haben laut Bundesinnenministerium in Deutschland von Januar bis September insgesamt 136.039 Personen Asyl beantragt. Das waren schon mehr als im gesamten Jahr 2013. Die meisten Experten erwarten mindestens 220.000 im Gesamtjahr.

Damit ist Deutschland Flüchtlings-Weltmeister, ja auf dem Weg zum Asylantenheim Europas. Schon 2013 hatte Deutschland noch vor den Vereinigten Staaten weltweit die meisten Asyl-Erstanträge bearbeitet: 109.600 waren es nach Zahlen der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR).

Hinzu kommen noch jene Asylbewerber, die nach einem abgelehnten Erstantrag einen Folgeantrag stellen sowie die sogenannten Kontingentflüchtlinge aus Syrien, die keinen Asylantrag stellen müssen. Insgesamt zählt die UNHCR zum Jahresende 2013 für Deutschland 334.857 Flüchtlinge. In Spanien waren es  waren es gerade mal 9.251.

Warum die reichen Araber Verantwortung übernehmen sollten

Doch nicht nur die EU ist mit Deutschland nicht fair in der Flüchtlingsfrage. Auch die reichen Despotien Arabiens entziehen sich ihrer Verantwortung. Dabei wären doch gerade Saudi-Arabien und die superreichen Golfstaaten als unmittelbare Anrainer der Kriegsgebiete in der moralischen Pflicht, den gepeinigten Flüchtlingen in ihrer Region viel mehr zu helfen.

Doch dieser Aufgabe kommen sie nicht nach. Sie mischen sich mit allerlei dubiosen Interventionen in die Bürgerkriege massiv ein, sind ideologisch und finanziell den IS-Gruppen zuweilen gefährlich nah - doch ganz offensichtlich sehen sie es lieber, wenn die Schutzsuchenden nach Europa flüchten, anstatt ihnen  direkt nebenan, im eigenen Kulturraum, Hilfe zu bieten. 

Das ist inakzeptabel. Denn wenn umgekehrt in Holland ein grausamer Bürgerkrieg Massenflucht auslösen würde, käme Deutschland doch nicht auf die Idee, die Schutzsuchenden nach Arabien zu schicken. Saudi-Arabien aber tut genau das. Als eines der reichsten Länder der Welt verweigert sich Riad, die Flüchtlinge in großer Zahl aufzunehmen - und treibt sie lieber auf den gefährlichen Weg nach Europa.

Wenn verfolgte Christen und Jesiden lieber nach Deutschland flüchten als nach Mekka, kann man das verstehen. Aber bei vielen anderen bekommt man den Eindruck, dass die Golfstaaten mit dem Elend der Massen ein geopolitisches Spiel spielen und eine Völkerwanderung geradezu erzwingen wollen.

Es wird also Zeit, die Supermilliardäre in Katar, Dubai, Kuwait und Riad in die Verantwortung zu nehmen. Sie investieren in allerlei Verrücktheiten, sie sollten ein Stück weit auch in Humanität investieren. Was die deutsche Bevölkerung an Güte massenhaft beweist, das sollte die Bundesregierung an realpolitischer Verantwortung begleiten.

Wolfram Weimer war Chefredakteur der Tageszeitung Die Welt, des Politik-Magazins Cicero und des Focus. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

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11 Kommentare zu "What's right?: Die Welt lässt Deutschland mit Flüchtlingen allein"

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  • "Die Welt lässt Deutschland mit Flüchtlingen allein"

    Lächerlich diese Überschrift mit der Sie die Blödheit der Verantwortlichen von Anfang an Ihres Artikels verteidigen.

  • Herr Weimar, prinzipiell stimme ich Ihrem Kommentar zu. Aber etwas unfair zu vielen arabischen Ländern sind Sie. Auch unter diesen Ländern gibt es viele, die sich durch eine außerordentliche Humanität in der Flüchtlingsfrage auszeichnen. G. Nampf erwähnte den Libanon bereits. Ich möchte hier Jordanien hervorheben, wo schon seit Ewigkeiten palästinensische Flüchtlinge leben und inzwischen voll integriert sind.
    Ach ja, nach Saudi-Arabien will fast keiner. Nicht nur Christen und Jesiden nicht. Muslime auch nicht, außer vielleicht kurzfristig zum Haj.

  • Laut heutigem Bericht stehen den Asylanten monatlich 350.- Euro zu! Das sind pro Asylant 4.200 Euro jährlich nur direkte Zuwendungen! Nicht gerechnet Unterbringung, Verpflegung, KRANKENVERSORGUNG!!!, ....
    Dazu kommt noch, dass selbst abgelehnte Asylanten nicht abgeschoben werden!!!
    Der Deutsche Michl bleibt nicht nur Zahlmeister Europas, nun kommt auch noch Afrika dazu! Wie lange macht der Deutsche Michl das noch mit? Auf jeden Fall ist es dann zu spät und der in Jahrzehnten erarbeitete soziale Wohlstand ist nach Europa und Afrika verteilt. Danke an unsere wohlwollenden Politiker!

  • @Herr MXXX BXXX

    Volle Zustimmung!

  • Wen überraschen diese Fakten eigentlich noch? Seit Jahren wird nur noch Politik für Faulenzer, Habenichtse und Ausländer gemacht -der Facharbeiter wird vom Staat ausgepresst wie eine Zitrone, das was von seinem Lohn nach Kosten noch bleibt ist kaum mehr als ein Faulenzer von unser Sozialstaat bekommt, und damit soll er dann noch fürs Alter vorsorgen, großzügig an die ach so Bedürftigen in aller Herren Länder spenden und natürlich die Flüchtlinge in seiner Gemeinde unterstützen - die ihm dann als Dank dafür Nachts vor die Wohnungstür scheißen !
    Wer sich ausnutzten lässt wird ausgenutzt ! Von unseren Volksvertretern traut sich doch keiner das Maul aufmachen - natürlich wegen der ach so schlimmen deutschen Vergangenheit von vor 100 Jahren, deshalb werden wir vom Ausland und dem Gros der hier lebenden Ausländer nach Strich und Faden verarscht und ausgenutzt !

  • Endlich mal wieder ein guter Kommentar in den Leitmedien, der auf Fakten und nicht Dogma aufsetzt.
    Für Frau Roth von den Grünen und die meisten ihrer Parteigänger wäre dieser Artikel vermutlich als rechtsextrem einzustufen.
    Komisch, dass für die meisten Flüchtlinge Deutschland das Mass aller Dinge ist, und sie bevorzugt hierher wollen.
    Da kann doch was mit der grün-sozialistischen anti-deutschen Kampagne nicht ganz stimmen. Wäre Deutschland wirklich so schlecht zu Immigranten, würde sich das in der Welt doch schnell herumsprechen. Genau das Gegenteil ist der Fall.

    Und wie bei allen wichtigen Themen zeigt sich, dass die europ. Solidarität nur soweit geht wie Deutschland zahlt, hilft etc. Aber nie andersherum. Not my cup of tea though.

  • @Marc Hofmann

    Auch Sie sollten etwa genauer zwischen "Einwanderung" und "Asyl für Flüchtlinge" unterscheiden.

    Bei der Einwanderung (= dauerhaftes Dableiben) stimme ich mit Ihnen überein. Was die Flüchtlinge (=vorübergehende Anwesenheit) betrifft hat Herr Weimer in seinem Artikel recht. Hier muß eine gerechtere Verteilung in Europa her.

    Trotzdem frage ich mich, wie D in den 1990er Jahren ca. 300.000 bosnische Flüchtlinge (zusätzlich zu den anderen)aufnehmen konnte, ohne daß damals ausgediente Kasernen wie heutzutage leerstanden. Oder ein kleines, sehr armes Land wie der Libanon 1.4 Mio. Flüchtlinge aufnimmt bei 4 Mio. Einwohnern.

  • Wir importieren Konflikte aus aller Welt. Die Probleme für die Menschen lassen sich offenkundig nicht lösen, in dem wir sie zu uns holen. Doch Politiker und Medien verharmlosen die Probleme was auf uns zukommt. Man muss nur abwarten bis die ersten Übergriffe auf Bürger bekannt werden, dann wird sich das Blatt sehr schnell wenden!! Mit der Großzügigkeit und Zustimmung der Bürger.

  • Was soll daran gut sein, wenn die deutsche Politik kein Einwanderungsgesetz ala Kanada hat und dies auch nicht durchsetzen kann. Nur die AfD steht für so ein Einwanderungsgesetz. Das gleichermaßen für die Einwanderer und für die Einheimischen klare Regeln benennt. Und weit weg ist, von diesen Grün-Roten Durcheinander unter Leitung einer schwarzen Kanzlerin.

  • Was sollen wir denn in der Schweiz sagen, dank unserer Superregierung nehmen wir das Anderthalbfache von Deutschland auf. Ende Jahr werden wir 30000 Asylanten mehr haben und das bei einem Ausländeranteil von 25%. Die Schweiz hat etwas über 8 Millionen Einwohner....man rechne!
    Aber bei uns ziehen sie z.Teil in die neusten Wohnungen.
    Ein riesiges Konfliktpotenzial ist bereits vorprogrammiert.

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