What's right?
Endlich, Herr Gauck!

Der Bundespräsident mit dem großem Bonus eines Freidenkers in sein Amt. Doch bislang hat Joachim Gauck nur in Plattitüden der politischen Korrektheit gesprochen. Jetzt findet er plötzlich zu Haltung und Klartext. Gut so!
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Joachim Gauck macht formal eine gute Figur. Der Bundespräsident hat in seinen ersten beiden Jahren dem Amt das zurück gegeben, was es dringender braucht als alles andere: Würde und Respekt. Nach den spektakulär gescheiterten Präsidentschaften Köhler und Wulff ist das schon viel. Seine Reden – der pastorale Ton ist wie gemacht fürs Amt – fühlen sich an wie Wellnessoasen der Debattenrepublik, seine Auftritte kommen, wenn schon nicht geschmeidig oder cool, so doch gesetzt und stilsicher daher. Seine Beliebtheit ist ebenso da wie seine Integrationskraft.

Und doch liegt über Schloss Bellevue ein Schleier des Unechten. Gauck war als Mann mit ungewöhnlicher Integrität und geistiger Autonomie gestartet. Er gehörte nicht zum glatt geschliffenen politischen Establishment, er konnte unbequem sein und war ein Freidenker, noch dazu ein intelligenter. Umso enttäuschender wirkte dann die Rolle, die er als 11. Bundespräsident der Republik annahm – nämlich die eines reichlich Konventionellen.

Gauck sprach plötzlich so, wie alle in Berlin sprechen, wenn sie nicht anecken, aber geliebt sein wollen. Er entfaltete einen Superkonformismus, der zu seiner Persönlichkeit nicht passt. Er redete politisch korrekt, obwohl er in seinem Leben die politische Korrektheit stets verabscheut hat, weil sie das freie Denken und offene Reden, ja am Ende die Wahrheit verbarrikadiert. Man konnte schon fürchten, dass die Präsidentschaft im Gutmenschentum endet und man hernach nicht hätte sagen können, was eigentlich sein Thema war.

Nun aber tritt plötzlich ein neuer Präsident zu Tage. Der alte Gauck nämlich, so als habe er sich gesagt – ich nehme mir zwei Jahre, um die Wunden des Amtes mit Therapeutensprech zu heilen, aber nun wird wieder Tacheles geredet! Mit zwei Donnerschlägen gibt er seiner Präsidentschaft schlagartig Profil. Zunächst macht er undiplomatisch Front gegen ein Russland der Menschenrechtsverletzungen. Er sagt – unabgesprochen mit der politischen Klasse – seine Teilnahme bei den Olympischen Spielen ab und riskiert damit diplomatische Verwerfungen. Auch wenn von der Kanzlerin (die jeden Kontrollverlust hasst) bis zu den Wirtschaftsverbänden (die um Russlandgeschäfte bangen) mancher entsetzt reagiert, so ist dieser Schritt doch großartig. Gerade Gauck mit seiner Vergangenheit als Bürgerrechtler der DDR wagt damit einen moralischen Schritt hinaus aus dem diplomatisch-politischen Menuett in die Taktlosigkeit einer Überzeugung, die ihm heilig ist. Gerade solche Grenzüberschreitungen machen aus einem Präsidentendarsteller einen echten Präsidenten.

Und nun der zweite Eklat: Gauck ergreift offen Partei für den Neoliberalismus. Das ist in Deutschland ungefähr so populär wie Fußpilz. Gauck aber lässt sich von der politisch unkorrekten Überzeugung nicht abbringen. Er warnt in einer Grundsatzrede vor zu viel staatlicher Regulierung und fordert mehr Wettbewerb. Der Begriff Neoliberalismus sei viel zu negativ besetzt. Vorurteilen gegen Marktwirtschaft und Liberalismus müsse entgegengetreten werden, denn freier Markt und freier Wettbewerb seien die Eckpfeiler der Demokratie. Freiheit in der Gesellschaft und Freiheit in der Wirtschaft gehörten zusammen.

Kommentare zu " What's right?: Endlich, Herr Gauck!"

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  • Mein Gott Herr Weimer,
    Sie haben aber auch schon bessre Sachen geschrieben.
    Ud nehmen Sie mal zur Kenntnis, dass Gauck kein Bürgerrechtler war.
    Gauck ist auf den Zug aufgesprungen, als der bereits im Bahnhof war.

  • omegalicht
    Sie haben meine vollste Zustimmung.
    Diesr Mann ist der schlechteste BuPrä den dieses Land je hatte
    Ein slebstverleibter Schwafelkopp

  • Weimers Blog bietet jede Woche Überraschungen. Weniger wegen seiner kognitive Brillanz, die wird durch intellektuelle Unredlichkeit konsequent desavouiert, sondern wegen des offenkundigen Erweises, dass hier auf nonchalante Weise, der Wirtschaftsjournalismus auf den Hund oder besser gesagt unter die ideologischen Räder gekommen ist. Diesmal wird Marktwirtschaft gleichgesetzt mit dem Glauben, dass der Markt alles lösen kann. Das alles entzündet sich am Unsinn der gauckschen Suada anlässlich des Jubiläums des Walter-Eucken-Instituts. Da redet einer wie der Blinde von der Farbe und sofort erkennt so mancher Journalist bodenlosen Tiefsinn. Da bedient sich ein Bundespräsident wohlfeiler Floskeln und schwadroniert davon, Selbstverantwortung, freier Markt und freier Wettbewerb seien die Eckpfeiler der Demokratie. Dabei vergisst er auf entlarvende Weise, dass z.B. für den Leistungsberechtigten Hartz IV-ler das alles nicht gilt. Ihm wird völlig undemokratisch jede Autonomie, Vertragsfreiheit und Verhandlungsmacht entzogen. Er muss sich unterwerfen und als Unfreier jede Zumutung ertragen. Dort träfe Gauck ins Schwarze, wenn er feststellt: „Ungerechtigkeit gedeiht nämlich gerade dort, wo Wettbewerb eingeschränkt wird“. Aber das wäre ja eine präsidiale Leistung. Der verweigert sich Gauck dann doch lieber mit populistischen Sprüchen. Das kommt an bei den Weimers. Herr Gauck sollte mal an einem Seminar wirtschaftsnaher Verbände teilnehmen, dort könnte er hören, dass der Begriff der Leistungsgerechtigkeit ausdrücklich abgelehnt wird, weil sich dieser Maßstab als untauglich erweist den Anspruch auf finanzielle Besserstellung aufrecht zu erhalten. Insofern zeigt sich der Neoliberalismus in alledem, was Gauck für reputationsfähig hält, gerade nicht. Wie überhaupt die Unschärfe seiner Rede insbesondere darin besteht, dass er in pastoraler Manier alle Gegensätze zu einem klebrigen Brei zusammenrührt. Gauck ist halt das, was er immer war: notorischer Opportunist.

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