What's right?
Hoffentlich wählen sie Tsipras ab

Premier Tsipras wollte besonders clever sein: Das Hauruck-Referendum sollte ihm den Rücken stärken. Tatsächlich brüskiert er damit die letzten Gutwilligen in Europa und stürzt sein Land in helle Not. Tsipras ist am Ende.
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Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Die alte Bibelweisheit könnte an diesem Wochenende europäische Geschichte schreiben. Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras hat sich am Ende seines monatelangen Schuldenpokers gedacht, den Rest Europa mit einem grandiosen Taschenspielertrick endgültig über den Tisch zu ziehen.

Ein Hauruck-Referendum soll ihm den Rücken so weit stärken, damit er den Europäern selbst inakzeptable Zugeständnisse abpressen kann. Tsipras brüskiert damit nicht nur die letzten Gutwilligen in Europa, er stürzt sein Land in helle Not und schürt obendrein üble Ressentiments, um Stimmung gegen Europa (und insbesondere gegen Deutschland) zu machen. Er wollte der EU eine Grube des Plebiszits und Kollektiv-Crashs graben, doch nun droht er selber hinein zu fallen.

Die erste Überraschung für den Grubenbauer bestand darin, dass die Weltfinanzmärkte völlig gelassen auf die Brandstiftung Athens reagiert haben. Tsipras hatte gehofft, dass die Börsen krachen und Europa aus schierer Angst vor Ansteckung, Domino-Effekten und Selbstschutz rasch einknicken und den Extremisten in Athen noch mehr Zugeständnisse machen würden. Das Gegenteil ist passiert.

Die Märkte haben vielmehr die neue Robustheit Europas demonstriert, und sie fänden es womöglich sogar besser, wenn Griechenland ganz aus dem Euro aussteigen würde. Dann wäre der Euro stabiler, die Euro-Zone hätte Prinzipien- und Stabilitätstreue bewiesen. Tsipras hat mit dieser Reaktion der Finanzmärkte sein zentrales Druckmittel zur Erpressung Europas schlagartig verloren.

Die zweite Verblüffung der Grubensozialisten von Syriza bestand darin, dass die Gutmütigkeit Europas tatsächlich an ein Ende gekommen ist. Tsipras & Co. haben mit ihrem Elefantensyrtaki im EU-Porzellanladen so viel Vertrauen verspielt, dass außer beton-ideologischen Randgruppen (die deutsche Linkspartei zum Beispiel) niemand das Verhalten dieser Regierung mehr billigt. Vor allem weil sie auf Kosten der Schwachen im eigenen Land ein ideologisches Klassenkampfspiel inszeniert.

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  • Ja, es wurde eine Grube gebaut von Tsipras - und er treibt munter ein ganzes Volk hinein. Egal wie nun das WE ausgeht, egal ob es ein drittes Rettungs-/Hilfspaket geben wird. Die Griechen sitzen alle zusammen in der Grube und haben es teilweise noch nicht einmal gemerkt. Die paar, denen es bewusst ist, die wandern gerade aus.

  • Gruben wurden tatsächlich gebaut, nur nicht von Tsipras, sondern eher von den hartleibigen Verhandlungsgegnern unter Führung von Schäuble. Ich würde die Behauptung wagen, dass es Verhandlungsziel der Eurogruppe von Beginn an war, die Syrizaregierung in eine innenpolitische Sackgasse zu treiben und man an keinen fairen Kompromiss interessiert war. Nur so lässt sich erklären, dass man auf weitgehende Zugeständnisse der Griechen mit immer weiter verschärften Anforderungen reagiert hat, von denen man wissen musste, dass Tsipras innenpolitisch daran zerbrechen würden, sollte er sie akzeptieren. Die im Netz veröffentlichten Vorschlaglisten und Gegenvorschläge vom 22.06., 24.06. und 26.06.15 belegen dies eindeutig. Folgerichtig blieb Tsipras nur der Schritt zum Referendum. Machtpolitisch ist diese Taktik der Eurogruppe durchaus nachvollziehbar, welches Interesse sollen denn z. B. ein Schäuble oder gar ein Rajoy (mit Podemos im Nacken) daran haben, der Syrizaregierung Zugeständnisse zu machen, die es ihr erlaubten, Griechenland mit einer alternativen, nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik aus der Krise zu führen? Damit würde schließlich auch die derzeit im Euroraum dominante , von Deutschland ausgehende wirtschaftspolitische Dogmatik radikal in Frage gestellt werden. Machtpolitsch wie gesagt verständlich, im Sinne eines wirklich demokratischen und solidarischen Europa aber traurig und beschämend!

  • "Weltfinanzmärkte völlig gelassen". Herr Weimer, lesen Sie eigentlich das Handelsblatt? Schauen Sie doch mal bitte in diese Ausgabe. Und überhaupt, diese Häme gegenüber dem Schwächeren, die hat sich zum "guten Ton" in Deutschland entwickelt. Tsipras und seine Leute kämpfen einen schwierigen Kampf für die griechische Bevölkerung. Wenn dieser Kampf verloren geht bezahlen alle: Die EU-Steuerzahler müssen zusehen, wie noch mehr Gelder durch ihre inkompetenten Regierungen in Griechenland verbrannt werden und die Griechen haben Aussicht auf weniger kurzfristige Schmerzen um den Preis, dass sich die griechische Wirtschaft niemals erholen wird, denn die "Rettungen" durch die Gläubiger machen alles nur noch schlimmer.

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