What's right?
Nur Schwache schimpfen auf Amerika

Die Kritik an Amerikanern wird immer lauter. Von der NSA bis zu den Ratingagenturen, von Google bis Facebook, von Goldman Sachs bis Amazon – überall wittert man dunkle Mächte. Die Wahrheit ist viel einfacher.
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In der Beliebtheitsrangliste Europas rangiert Amerika derzeit ganz weit hinten, irgendwo zwischen weißem Hai und Kettensägenmassaker. Monstergleich werden die USA verteufelt, und man traut ihnen alles zu: vom Abhören des Kanzlerhandys bis zum Ruinieren des Weltlklimas, vom Big-Data-Krakengriff bis zum wahllosen Drohnenkrieg. Als ob Amerika aus brutalen Bankern (Goldman Sachs), dummen Cowboy-Reaktionären (Tea-Party-Bewegung) und fiesen Sklavenfabriken (Amazon) bestünde, so prügeln die Medien transatlantisch ein, dass es kein Halten mehr gibt. Selbst der bislang so smarte Präsident Obama mutiert nun zum Zerrbild eines düsteren Spitzel-Big-Brothers aus der Halbwelt, dessen Losung “Yes, we can” als “Yes, we scan” entlarvt sei.

Der neue Anti-Amerikanismus mag aktuell berechtigte Anlässe der Kritik haben - Geheimdienste sind eben keine Rotaryclubs. In Art und Breite des Ressentiments verrät er aber etwas ganz anderes als die Sorge um Datenschutz: einen Minderwertigkeitskomplex. Mit jeder rotzigen Verbalattacke gegen die USA wirkt Europa mehr wie ein plärrendes Kind, das dem großen Bruder am anderen Ende des Teiches das Wasser einfach nicht reichen kann. Die Selbstverkleinerung Europas wird zusehends unser Markenzeichen.

Man kann die Windows-, Apple- und Facebook-Konzerne verteufeln, man könnte aber auch eigene Internetkonzern als Gegengewicht aufgebaut haben. Von den 20 größten Internetkonzernen der Welt kommt aber keiner mehr von hier. Wo bleibt Europas Suchmaschine? Unsere Antwort auf Google?

Man kann sich über die angeblich so dreiste Dominanz der US-Ratingagenturen echauffieren, man könnte aber endlich einmal einen eigenen an den Start bringen. Seit Jahrzehnten scheitern die Europäer auch damit kläglich.

Man kann sich über die Arbeitsbedingungen bei Amazon und Starbucks ärgern und sich wundern, warum Europas Buchhändler und Cafehäuser sterben. Man könnte aber auch ein eigenes “Rheinazon” oder “Kaffee Sterntaler” hoch ziehen. Doch Europa kann einfach nicht.

Die Klage über die neue Macht Amerikas ist darum in Wahrheit die Selbstanklage der eigenen Ohnmacht. In der gesamten modernen Digitalindustrie haben wir gegenüber Amerika einfach jämmerlich verloren. Wir stehen da wie die Wilden vor Kolumbus und bestaunen die digitalen Glasperlenspiele mit großen und nun eben meckernden Mündern.

Anstatt über Amerika herzuziehen, sollten wir es einfach besser machen. Gegen das Abhören des Kanzlerhandys würde eine gute Spionageabwehr helfen (zumal auch Chinesen und Russen uns belauschen), oder auch nur ein sicheres Handy. Aber die können wir ja nicht einmal mehr bauen, seitdem Siemens als letzter dieses Geschäft aufgegeben hat.

Nun ist Bessermachen schwerer als Besserwissen, und also verlegen sich weite Teile unserer Öffentlichkeit aufs Besserwissen im Modus des kulturell Unterlegenen.

Dabei passt das zu Europa überhaupt nicht. Wir Europäer lebten seit 2000 Jahren in dem Bewusstsein kultureller und wirtschaftlicher Dominanz. Wir waren die Weltbestimmer. Dieses Grundgefühl der eigenen Suprematie wurde zunächst getragen vom Machtanspruch des römischen Imperiums, später vom mittelalterlichen Sendungsbewusstseins, schließlich vom kolonialen und am Ende vom technologischen Gestaltungsanspruch der Neuzeit. Zu jeder Epoche fühlten sich Europäer allen anderen Zivilisationen überlegen. Es gab zwar Erschütterung in dieser langen Linie des gefühlten Eurozentrismus, und doch blieb das Selbstgefühl Europas als Avantgarde der Menschheit intakt.

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Europa vermehrt sich nicht mehr

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