What's right?
Vom Revolutionsgeruch betört

Die neue Links-Regierung in Athen wirbelt mit unausgegorenen Provokationen durch Europa. Griechenland kommt das schon jetzt teuer zu stehen, aber unter den Linken in Deutschland macht sich klammheimliche Freude breit.
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Linkssein ist seit einigen Jahren irgendwie aus der Mode geraten – als uncoole Attitüde alternder Gewerkschafter, verkniffener Ideologen oder ostdeutscher Stasi-Opas aus Plattenbauten. Es fühlte sich zusehends an wie Genossenstaub, aus der Zeit gefallen, wie eine Art Wikipedia seiner selbst – es referierte sich noch links, lebte aber kaum mehr.

Der Rückzug des Linksseins hat gute Gründe. Zum einen schwindet die kämpferische Arbeiterschaft Marke Kohlekumpel und damit das politische Kernmilieu. Zum anderen hat die moderate Linke, insbesondere die Sozialdemokratie, ihre historische Mission, eine sozial verfasste Demokratie und einen möglichst mächtigen Umverteilungsstaat zu etablieren, mindestens erfüllt, eher sogar übererfüllt. Die heutige Merkel-Republik ist eigentlich genau so, wie sich frühere Generationen der Sozialdemokratie ihr Traumland gemalt hätten. Darum sind weite Teile der politischen Linken zur defensiven, strukturkonservativen Formation mutiert.

Während Linke früher immer auf der Seite des Fortschritts stehen wollten, sind sie seit zwanzig, dreißig Jahren vor allem als Bremser unterwegs. Sie stemmen sich gegen den Modernisierungsschub der Globalisierung und sind technologieskeptisch geworden. Man spürt unter Linken ein Milieu der Bedenken und Ängste (wie in der TTIP-Debatte). Aus der einstigen Faszination des Wollens ist eine Trutzburg des Verhinderns geworden.
Doch plötzlich wird die schwindende Glut der Roten neu entfacht, aus Griechenland hecheln wilde Männer der Seniorenideologie neues Flackern ein. Alexis Tsipras und seine Syriza-Genossen lassen ein Hauch von Che-Guevara-Stimmung durch Europa wehen, auf dass sich linke Altherren auf die knitternden Schenkel klopfen als sei 1968 wieder da.

Sie finden die lederjackenhafte Institutionenbeschimpfung der neuen Griechen-Regierung offenbar herrlich; sie erhoffen sich einen kollektiven Linksruck des Bewusstseins. Ihre heimliche Sehnsucht: Griechenland könne erst der Anfang sein, endlich mit der „Austeritätspolitik“ (die es in Wahrheit gar nicht gibt) und mit dem Finanzkapitalismus im großen Stile abzurechnen. Das Kalkül: Wenn sich die Griechenpolterer mit den regierenden Sozialisten in Frankreich und Italien verbrüdern, dann könne man mit ganz Europa in den offenen Schuldensozialismus aufbrechen. Endlich darf man mal wieder lauthals „Systemkritik“ üben – so wie seit den siebziger Jahren nicht mehr.
Doch werden sich die Sympathisanten noch ärgern, wem sie da applaudieren. Nicht nur weil sich Griechenlands Linke ausgerechnet mit Rechtspopulisten und Antisemiten verbünden und eine Regierung der Extremisten bilden.

Kommentare zu " What's right?: Vom Revolutionsgeruch betört"

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  • Ach ja ein Buch könnte ich Ihnen da auch noch empfehlen : Thomas Piketty , Das Kapital im 21. Jahrhundert ,dann wären mal Grundlagen geschaffen für eine fundierte Auseinandersetzung!

  • Ich empfehle Ihnen ,bevor Sie sich in haltloser Polemik ergehen ,sich doch vielleicht mal vorher mit Fakten auseinanderzusetzen ! Ein guter Anfang wäre da zum Beispiel die Sendung Monitor !

  • Ich denke an Frankreich und der bösen rechten Frau, die hoffentlich das EU-Regime in die Wüste schickt.

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