What's Right? zur Flüchtlingspolitik: Wien erteilt Berlin eine Lektion

What's Right? zur Flüchtlingspolitik
Wien erteilt Berlin eine Lektion

Österreich zieht die Grenzen hoch und sucht neue Europa-Allianzen der Vernunft, meint unser Kolumnist Wolfram Weimer. Deutschland steuert dagegen auf das größte außenpolitische Versagen seit 1945 zu.
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WienEs ist exakt 150 Jahre her, da Preußen gegen Österreich, Berlin gegen Wien, einen blutigen Krieg führte. 1866 standen eine Million Männer unter Waffen und kämpften um die Frage, wer in Mitteleuropa das Sagen habe. Bismarcks Armee gewann, und Deutschland wurde preußisch – für viele ein tragischer Wendepunkt der Geschichte. Denn deutsche Politik war hernach geprägt von Preußens schnarrender Besserwisserei und selbstsüchtigen Sonderwegen in Europa. Österreich hingegen – über Jahrhunderte geprägt von einer geschmeidigen Kultur diplomatischer Händel, bei der man lieber heiratete als Kriege führte – geriet ins weltpolitische Abseits.

Zum Jubiläum des deutschen Entscheidungskrieges von 1866 erlebt Europa 2016 die uralte Rivalität Berlins mit Wien in altbekannten Facetten. Berlin geht seit Monaten mit seiner Politik radikal offener Grenzen einen europäischen Sonderweg. Die „Wir-schaffen-das-Willkommenskultur“ wird in Europa von keinem anderen Land geteilt; mit moralischer Selbstgefälligkeit aber versucht Berlin, das Konzept den Nachbarn mit allerlei Kontingent-Ideen aufzuzwingen. Dort findet man mit wachsender Sorge, dass Deutschland damit nur eine Völkerwanderung ausgelöst hat, die ganz Europa in eine tiefe Krise stürzt.

Da Berlin mit aggressiver Herablassung auf die Nachbarn von Ungarn bis Polen, von der Schweiz bis Tschechien blickt und nicht bemerkt, wie isoliert man selbst geworden ist, kehrt ein historisches Muster zurück – Berlin marschiert auf Sonderwegen und bedroht einmal mehr Europas Zusammenhalt. Nur diesmal nicht in Soldatenstiefeln, sondern in Gutmenschen-Birkenstocksandalen.

Ganz anders Wien. Dort hat man aus humanitären und nachbarschaftsloyalen Gründen sehr lange die Berliner Politik gestützt, viele Flüchtlinge selber aufgenommen und Angela Merkel noch verteidigt, als ihre Sonderwegpolitik Europa bereits vergiftet hatte. Doch nun greift Wien tief hinein in seine diplomatische Traditionskiste und sucht neue Europa-Allianzen der Vernunft, um ein Grenzregime zu etablieren, das sich wieder an geltendem EU-Recht orientiert. Österreich treibt damit die Lösung der Migrationskrise einen guten Schritt voran – und offenbart zugleich das Versagen deutscher Politik.

Berlin keift darob wie weiland Kaiser Wilhelm. Wien sei Deutschland in den Rücken gefallen und spalte die Europäische Union. Aus dem österreichischen Kanzler, dem braven Sozialdemokraten Werner Faymann, sei ein neuer Victor Orbán geworden.

„Falls einige Länder versuchen sollten, das gemeinsame Problem einseitig und zusätzlich auf den Rücken Deutschlands zu verlagern, so wäre das inakzeptabel und würde von uns auf Dauer nicht ohne Folgen hingenommen“, droht der deutsche Innenminister Thomas de Maizière im Tonfall Bismarcks, der weiland meinte: „Für beide ist kein Platz nach den Ansprüchen, die Österreich macht, also können wir uns auf die Dauer nicht vertragen. Wir atmen einer dem anderen die Luft vor dem Munde fort, einer muss weichen oder vom anderen 'gewichen werden', bis dahin müssen wir Gegner sein.“

Kommentare zu " What's Right? zur Flüchtlingspolitik: Wien erteilt Berlin eine Lektion"

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  • "Und genau dann hat Deutschland die große Chance die größte Krise Europas zu besänftigen und den humanen Charakter der deutschen Flüchtlingspolitik zu unterstreichen."

    Eine Migrationspolitik, die glaubt, eine Lösung für den Umgang mit den menschlichen Schattenseiten mittels Abspaltung, Tabuisierung , Verächtlichmachung, Idealisierung, Moralisiererei, Umerziehung und Ignoranz gefunden zu haben, leugnet und spaltet den/die Menschen und ist somit per se inhuman und illusionär.

  • Wer glaubt, dass man mit nationalen Lösungen einem Problem Herr werden könnte, das man selbst geschaffen hat, glaubt auch, dass auf dem Oktoberfest auf einer vollbesetzten Bank alle bestellen dürfen, aber immer nur die zahlen, die außen sitzen. Nur für die Wirtschaft offene Grenzen fordern, den Armen in vielen Ländern die wirtschaftlichen Grundlagen nehmen, dann noch den ein oder anderen Krieg anzetteln - vom Kolonialismus mal ganz zu schweigen - und schließlich die EU auf eine Wirtschaftsunion reduzieren, in der Menschenrechte in einigen Ländern mit Füßen getreten werden dürfen - so simpel ist die nationale Lösung, es fehlt nur noch das Wort "christlich".

  • Zitat: "Hab schon lange keine Angst mehr vor der Flüchtlingswelle. "

    Wie sind Sie denn drauf? Alle haben gefälligst Angst zu haben vor der Flüchtlingswelle, vor Inflation, vor Deflation, vor Verarmung, vor dem Islam, vor der Islamisierung, vor Kopftüchern, vor Bärten, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit (die uns einholt) ....

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