Wie der Bundespräsident ein ganzes Land bei der Neuwahl-Entscheidung auf die Folter spannt
Die Erlösung kam um 15 Uhr

Um Punkt 15 Uhr hat das Staatsoberhaupt ein Einsehen. Aus den Faxgeräten deutscher Medien ruckelt eine Mitteilung des Bundespräsidialamtes. Durchatmen im politischen Berlin und Hektik in den größeren Fernsehanstalten, die allesamt Köhlers Erklärung live übertragen wollen.

BERLIN. Während Berlin an diesem Donnerstag langsam im Dauerregen versinkt, lässt Bundespräsident Horst Köhler in 15 dürren Zeilen mitteilen, er gedenke, sich um 20.15 Uhr an das deutsche Fernsehvolk zu wenden. Dann wolle er seine Entscheidung bekannt geben, ob es Neuwahlen geben könne. Mit Bedauern müsse er "umständehalber" seine Teilnahme an der Abendveranstaltung "Gemeinsam für Afrika" zurückziehen.

Mit seiner Mitteilung hat Köhler eine Posse beendet, die die Hauptstadt seit Tagen in Atem und den Bundeskanzler in Hannover gehalten hat. Wie wird Köhler entscheiden? Wann wird er es tun? In welcher Form? Angesichts der beharrlichen Schweigsamkeit des Präsidialamtes selbst über die Umstände seines Auftritts stieg die Spannung immer weiter. Und der Mangel an Informationen trieb die Spekulationen über Randaspekte des Themas zu immer neuen Blüten. Höhepunkt war sicher die Frage, ob die Entscheidungsfrist des Bundespräsidenten nun am Freitag um 12.12 Uhr oder aber am Freitag um 24 Uhr ausläuft.

Dass Horst Köhler, der Seiteneinsteiger, ein ungewöhnlicher Bundespräsident sein würde, hat er früh klar gemacht. Das "Anderssein" sollte sein Markenzeichen werden, weil auch Deutschland keine gewöhnlichen Zeiten durchmacht. Dass er aber eine ganze Republik schon über die Frage rätseln lässt, wie er seine Entscheidung verkünden will, hat doch viele überrascht.

Zu Unrecht, springen ihm seine Verteidiger bei. Denn ein Bundespräsident habe geradezu die Pflicht, den seltenen Fall, in dem es in der bundesrepublikanischen Demokratie auf ihn ankommt, auszukosten. Auch jeder seiner Vorgänger musste den Behauptungskampf um die Bedeutung des Amtes führen.

Und im Präsidialamt hatte man in den vergangenen Tagen nicht nur wegen der Bauzäune vor dem Schloss Bellevue das Gefühl, eingemauert zu werden. Noch am Donnerstagmorgen betonte CSU-Generalsekretär Markus Söder, Köhler bleibe gar nichts anderes übrig, als Neuwahlen zuzustimmen. Die Parteien hatten dem Präsidenten mit dem 18. September auch schon ihren Wunschtermin für die Wahl genannt - deshalb konnte er eigentlich nur Donnerstag oder Freitag entscheiden. Es klang, als sei alles entschieden. Als wirkliche "Kür" erschien nur noch die Frage, wann Köhler spricht.

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