Wie die Universität Köln ohne Axel Weber auskommt
Auf und davon – für 16 Semester

So hatte sich Mathias Hoffmann den Start ins Sommersemester nun wirklich nicht vorgestellt. Im Wechsel mit seinem Chef sollte der Assistent des Kölner Ökonomieprofessors Axel Weber eine Vorlesung über Neue Internationale Makroökonomik halten. Doch einen Abend vor Beginn der Vorlesung ist ihm sein Chef abhanden gekommen – die Bundesregierung will Weber zum neuen Chef der Bundesbank machen.

KÖLN. Genau zwei Stunden nachdem Finanzminister Hans Eichel den Weltke-Nachfolger in Berlin auf einer Pressekonferenz präsentiert hat, steht sein schlaksiger Assistent allein in einem kleinen, stickigen, fensterlosen Seminarraum der Kölner Uni und versucht vier Dutzend Studenten zu beschwichtigen, die wegen Weber gekommen sind.

„Es wird alles beim Alten bleiben“, verspricht er. Doch so recht will niemand daran glauben. Auch Hoffmann nicht. Erst wenige Stunden vor der ersten Vorlesung des Semesters hatte der schmale Jungwissenschaftler mit dem Nadelstreifenhemd erfahren, dass er den Lehrauftrag alleine bewältigen muss. Einen Schokoriegel hat er sich als Stärkung mitgebracht – vor lauter Aufregung wird er aber bis zum Ende der Vorlesung vergessen, ihn zu essen.

Für acht Jahre werde Weber beurlaubt, erklärt Hoffmann den Studenten, als für wenige Minuten einmal kein Fernsehteam in der Nähe ist. Und als wollte er diesem Satz noch etwas Nachdruck verleihen, übersetzt er das Gesagte in typischen Hochschuljargon: Ganze 16 Semester müsse durchhalten, wer jemals wieder eine Vorlesung bei Professor Weber hören wolle.

„Wer sagt denn, dass er das selbst so lange durchhält?“ fragt einer der Studenten in den vorderen Reihen. Doch lachen können nur wenige Kommilitonen. Zu gern hatten sie den jugendlichen Professor, der vor vier Semestern gekommen war und viel frischen Wind an die Kölner Wirtschaftsfakultät gebracht hatte.

Als engagiert und fortschrittlich loben ihn seine Studenten. Einer aus der Riege der jungen, dynamischen Anzugträger sei er gewesen. Stets habe sich Weber um den Nachwuchs bemüht. Lange Zeit war das anders: Webers Vorgänger hätte nicht einmal eine eigene E-MailAdresse gehabt, erzählen die älteren Semester. Mit Filzstiften und antiquierten Unterlagen seien die Vorlesungen dahingeflossen. Nicht so bei Weber: Ganz selbstverständlich arbeitete er mit Video-Beamer und Notebook, viel Wert legte er auf Internationalität: Stets empfahl er englischsprachige Standardliteratur, einige Veranstaltungen hat er gleich ganz auf Englisch gehalten. Und intensiv kümmerte er sich um die Belange ausländischer Studenten.

Regelrecht entschuldigen muss sich Assistent Hoffmann für das Fehlen Webers: „Ich hätte auch nicht damit gerechnet, dass es so kommen würde“, stammelt er wieder und wieder. Zum Lehrstoff kommt er erst nach einer guten Viertelstunde: „Wir fangen jetzt erst mal mit der Ökonomie ohne den Staat an.“ Und es klingt, als denke er dabei an den Lehrbetrieb, der auch erst mal ohne Zentralinstanz funktionieren muss. Frühestens zum Wintersemester rechnet der Assistent mit einem vorläufigen Ersatz für Weber: „Der Lehrstuhl bleibt bestehen.“

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