Wie eine Kleinunternehmerin aus Düsseldorf vor bürokratischen Hürden kapitulierte
„Können wir bitte Ihre Genehmigung sehen?“

Eines Sonntags im März stehen sie plötzlich vor ihr – die beiden Herren vom Ordnungsamt. „Können wir bitte Ihre Genehmigung sehen?“ Können sie nicht, denn der Kiosk-Besitzerin Gabi Heymann ist bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal klar, dass sie für ihr Schild „Sonntags geöffnet“ eine Genehmigung braucht.

DÜSSELDORF. Doch die Beamten kannten keine Gnade. Die 53-jährige Witwe musste ihr Geschäft im Düsseldorfer Stadtteil Bilk zuschließen – und zwar sofort. Es sollte das letzte Mal sein, dass bei ihr auch sonntags Brötchen, Zigaretten und Süßigkeiten über den Tresen gingen. Doch das wusste Heymann zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Am nächsten Morgen ging sie zum Ordnungsamt, um sich die Genehmigung zu besorgen – damit sie sonntags das tun darf, was sie montags bis samstags macht: Brötchen und Zigaretten und Getränke und Zeitungen verkaufen.

Doch die Düsseldorferin sollte den Bürokratismus in Deutschland unterschätzen. In dieser Disziplin ist das Land nach einer Weltbank-Studie unter den Industriestaaten führend – dank mehr als 2 000 Bundesgesetzen mit fast 50 000 Einzelnormen. Hinzu kommen noch die Gesetze, Verordnungen und Normen der Länder und Kommunen. Eines davon schreibt vor, dass ein Kiosk in Deutschland sonntags nur für zwei Stunden und ausschließlich zum Zeitungsverkauf öffnen darf. Für alles andere hätte Heymann eine Erlaubnis nach dem Gaststättengesetz beantragen müssen – dann wäre aus dem Kiosk rechtlich eine Trinkhalle geworden.

„Auch das war mir recht“, sagt Heymann, die den Sonntag – ihren mit rund 500 Euro umsatzstärksten Tag der Woche – nicht einfach aufgeben wollte. Doch die Liste der erforderlichen Unterlagen war lang – zu lang. Als erstes hätte das Bauamt der Nutzungsänderung zustimmen müssen. Die „einwandfreie und prüffähige Grundrisszeichnung aller Betriebsräume“ hätte sie dann ebenso wie Nachweise von Amtsgericht, Finanzamt und Bundeszentralregister vorlegen müssen. Das Sahnehäubchen wäre ein Kurs bei der Industrie- und Handelskammer über „hygienerechtliche Vorschriften“ gewesen.

Die Broschüren vom Ordnungsamt hat Heymann längst weggeworfen – und vor dem Amtsschimmel kapituliert. Sonntags bleibt ihr Kiosk schlicht geschlossen. Und obwohl sie damit einen lukrativen Tag verliert, versucht Heymann, die von Montag bis Samstag zwischen sechs und 19 Uhr im Laden steht, darin auch noch etwas Positive zu sehen: „78 Stunden die Woche – das muss auch reichen.“

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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