Wie Flüchtlinge Deutschland erleben
„Im Jobcenter endet die Freiheit“

Vor fünf Monaten kam Yahya Alaous mit seiner Familie nach Deutschland. In seiner Heimat Syrien wurde er verfolgt – hier fühlt er sich sicher. Trotzdem müsse es auch in einer freien Gesellschaft Regeln geben, sagt er.

BerlinFreiheit war in Syrien für mich immer etwas Abstraktes, ganz weit weg. In Damaskus beherrschten vor allem Zwänge mein Leben und das meiner Familie. Als ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal vor dem Brandenburger Tor stand, ergriff mich deshalb ein unbändiges Gefühl der Freude. Ich war beim Mauerfall vor 25 Jahren nicht dabei.

Ich stelle es mir jedoch überwältigend vor, wie die unter der SED-Diktatur leidenden Menschen auf die Mauer kletterten und ihre erkämpfte Freiheit bejubelten. Heute gelten Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Arbeitsfreiheit als selbstverständlich. Man möge es mir nicht verübeln, aber ich würde gerne eines Tages mit dem syrischen Volk durch das Brandenburger Tor ziehen, um wie die Deutschen die Freiheit unseres Landes zu feiern.

Aber von vorn: Mein Name ist Yahya Alaous. Ich bin Syrer, 42 Jahre alt, habe eine Frau und zwei kleine Mädchen. Gemeinsam lebten wir bis vor ein paar Monaten in Damaskus. Ich habe dort als politischer Korrespondent bei einer großen Tageszeitung gearbeitet. Derzeit arbeite ich in der Berliner Hauptstadtredaktion des Handelsblatts mit. Der Kontakt kam über die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ zustande. Das Handelsblatt wollte mit einem syrischen Kollegen zusammenarbeiten, ich nahm das Angebot sofort an. Journalismus ist mein Leben, gleich, ob ich hier oder in Syrien lebe. Ich betrachtete immer schon das Regime von Baschar al-Assad kritisch, schrieb meine Meinung zu Menschenrechten, Korruption, Demokratie.

Hunderttausende von Flüchtlingen werden dieses Jahr in Deutschland Asyl beantragen. Was denken sie? Was wollen sie? Weil die Neuankömmlinge noch immer vielsprachig sprachlos sind, will das Handelsblatt ihnen eine Stimme geben: Auf 50 Seiten sprechen und schreiben Künstler und Unternehmer, Schriftsteller, Ärzte und Ingenieure, Männer und Frauen aus Afghanistan, Iran und und Irak, Syrien, Eritrea aber auch dem Kosovo über Merkel und Europa, Heidenau und das Schleppergeschäft – aber auch die Sorgen der Deutschen, mit denen sie nun konfrontiert werden. Das komplette Dossier als PDF zum Download.

Im Jahr 2002 kam ich dafür zwei Jahre ins Gefängnis. Mein Pass wurde eingezogen. Außerdem wurde mir verboten, je wieder bei einer Zeitung zu arbeiten. Als ich aus dem Gefängnis kam, schrieb ich für eine Untergrund-Website, vor allem über Frauenrechte. Dieses Thema gilt beim Regime nicht als politisch bedeutsam. Es war also weniger gefährlich für mich. Acht Jahre ging das gut. Dann zwang uns Assads Regierung, die Website zu schließen. Das war für mich der Grund, politische Bewegungen aktiv zu unterstützen. Ich ging auf Demonstrationen, erlebte den arabischen Frühling mit. Es wurde gefährlich, also schrieb ich meine Berichte für den „Syrian Observer“ – ein oppositionelles Magazin – unter Pseudonym. Manchmal bekam ich Geld dafür, meistens nicht. Es war schwierig, meine Familie zu ernähren.

Auch wenn damals Hass in mir aufstieg: Für mich kam nie infrage, Gewalt mit Gewalt zu vergelten. Doch ich wollte mich auch nicht wegducken, einfach aus dieser Vorhölle, die Menschen geschaffen haben, fliehen. Es wäre ein Leichtes gewesen, mich aus Sicht des Regimes korrekt zu verhalten, ihm nach dem Munde zu schreiben. In Damaskus gibt es junge Journalisten, die sich ernsthafte Gedanken darüber machen müssen, ob sie „Großer Präsident“ schreiben müssen oder ob „Herr Präsident“ genügt. Doch das kam für mich nie infrage.

Irgendwann ging es nicht mehr. Die Lage wurde zu gefährlich. Überall im Land war Chaos, es wurde geschossen, Raketen flogen durch die Luft. Dazu kamen die Leute der „Stasi“: Nachbarn, die Oppositionelle an das Regime verraten. Meine Familie und ich fürchteten täglich um unser Leben. Wenn du ein hohes Pfeifen hörst, läufst du um dein Leben. Du weiß nie, wo die Bombe einschlagen wird. Einmal traf ein Bombensplitter den Wagen meiner Familie, auch unser Haus wurde beschädigt. Der Krieg kam immer näher, obwohl wir in einem sogenannten stabilen Viertel wohnten. Immer öfter sagte Jasna Zajcek, eine deutsche Kollegin, die undercover recherchierte, zu mir: „Komm raus aus Syrien, es ist zu gefährlich für dich dort.“

Vor fünf Monaten, nach zwölf Jahren ohne Dokumente, bekam ich plötzlich meinen Pass zurück. Ich flüchtete mit Frau und Töchtern, so schnell es ging, in den Libanon. Von dort aus kamen wir mit dem Flugzeug nach Berlin, eine einfache Reise im Vergleich zu den Tausenden Syrern, die ihr Leben riskieren. Hier fühle ich mich endlich sicher.

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Sorge vor einem Stimmungswechsel

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