Wie Peer Steinbrück bis zuletzt um Wähler kämpft
Steinbrück: „Steine statt Brot“

Der Peer Steinbrück lässt sich nicht unterkriegen. Auch nicht, wenn ihm im Wahlkampf immer wieder die Worte „Lügner“ und „Heuchler“ entgegenschallen. Wie der 58-Jährige SPD-Spitzenkandidat bis zuletzt um Wähler kämpft - eine Handelsblatt-Reportage.

MÜNSTER. Als Peer Steinbrück die Bühne auf dem Prinzipalmarkt in Münster betritt, erwartet ihn eine Überraschung. Ein Mädchen kommt hinzu, es heißt Natalie und trägt geflochtene Rasta-Zöpfe. Sie ist soeben der SPD beigetreten. Steinbrück gratuliert ihr. "Und was wählst du?" flachst der Ministerpräsident in Erwartung der offensichtlichen Antwort. "Ich bin noch nicht achtzehn", entgegnet das Mädchen. Steinbrück lacht, so als sei dies ein gelungener Witz. Da hetzt der Ministerpräsident seit Wochen enttäuschten Nichtwählern hinterher, und in Münster trifft er auf jemanden, der sogar SPD wählen würde, es aber nicht darf. Steinbrück: "Wenn du mit deinem Ortsverein nicht zufrieden bist, ruf mich an."

Der 58-Jährige lässt sich nicht unterkriegen. Auch nicht, wenn ihm im Wahlkampf immer wieder die Worte "Lügner" und "Heuchler" entgegenschallen. In Münster ist es eine kleine Gruppe von Hartz-IV-Gegnern, die sich unter die SPD-Anhänger gemischt hat. Irgendwann ruft Steinbrück den Störenfrieden genervt zu: "Das ist Kritik aus dem letzten Jahrtausend. Sie haben ja auch keine Alternativen."

Ähnliches wirft er auch seinem CDU-Kontrahenten Jürgen Rüttgers vor. Mal direkt und forsch, mal leise und unterschwellig. Im ersten TV-Duell vor zwei Wochen in Duisburg hielt ihm Steinbrück mehrfach vor: "Sie sind nicht richtig informiert." Bei der zweiten Begegnung vorgestern in Bochum indes verzichtete er auf allzu aggressive Einwände. Steinbrück blickte nur spöttisch zu Rüttgers herüber, grinste herablassend - und das, obwohl ihm die reinen Zahlen dafür wenig Anlass geben.

Die SPD hat vier Tage vor der Landtagswahl am 22. Mai zwar auf 37 Prozent zugelegt, und die CDU sinkt leicht auf 43 Prozent. Schwarz-Gelb liegt aber noch mit 50 Prozent deutlich vor Rot-Grün mit 45 Prozent. "Ich schaue nicht auf Umfragen wie ein hypnotisiertes Kaninchen", sagt Steinbrück abseits der Kundgebungen. "Ich bleibe bei meiner Linie." Die ist schlicht: "Wenn Sie Steinbrück haben wollen, wählen Sie SPD. Wenn Sie SPD wählen, bekommen Sie Steinbrück."

Was das inhaltlich heißt, hütet er gut. "Ich verspreche nichts, gar nichts", sagt er in hartem Tonfall. "Nur für die Bildung gibt es mehr Geld." Steinbrück pflegt ohnehin gern seine sperrige Art, hütet charakteristische Kanten. Und erlaubt sich überraschende Ausfallschritte. So gerierte er sich in den vergangenen zwei Jahren als Hartz-Reformer, verbreitete den Standardsatz, es gebe "nur noch Steine statt Brot". Die Arbeitgeberverbände lobten ihn, Wirtschaftsvertreter meinten sogar, er sei in der falschen Partei.

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