Winfried Kretschmann
„Die Debatte um die Strompreise ist Hysterie“

Baden-Württembergs Ministerpräsident wirft der Kanzlerin Versagen beim Management der Energiewende vor. Im Interview spricht Winfried Kretschmann außerdem über den Kauf der EnBW-Aktien und eine schwarz-grüne Zukunft.
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Handelsblatt: Herr Kretschmann, in Kürze haben wir im trüben Deutschland mehr Kapazität für Solarstrom als für Windkraft. Absurd?

Winfried Kretschmann: Warum? Wir wollen alle 100 Prozent regenerative Energie, jetzt boomt sie endlich, und eigentlich könnten sich alle darüber freuen.

Wollen Sie der Industrie im Ländle höhere Strompreise zumuten?

Ich halte nichts von der Panikmache bei den Energiepreisen. Sie steigen nach unseren Erkenntnissen weniger als vor der Energiewende und werden nicht durch die Decke schießen. Das beste Mittel dagegen ist Energieeffizienz. Unsere Wirtschaft hier im Land ist in puncto Energieeffizienz heute schon vielfach vorbildlich - und wird so wettbewerbsfähiger.

Unternehmen im Ausland haben weniger Druck.

Energiepolitik ist auch Wirtschaftspolitik, denn Effizienz wird zum weltweiten Markt. Die Chancen sind doch viel größer als die Risiken, die hier von interessierter Seite beschworen werden. Ein Problem sind die vielen Ausnahmen von der Netzumlage und der EEG-Umlage. Diese rund 700 Stromverbraucher müssen wir zumindest teilweise beteiligen. Wie soll ich einem Bäcker mit sechs Prozent Energiekosten erklären, dass er für Konzerne mitbezahlt?

Aber auch Sie fordern für die Bürger „bezahlbare Preise“.

Es geht nicht um Preissenkung, es geht um Energieeffizienz. Haushalte mit geringem Einkommen brauchen Beratung beim Stromsparen. So bildet etwa die Caritas Hartz IV-Empfänger zu Energieberatern aus. Helfen können auch Prämien für effiziente Geräte.

Energiekonzerne wollen mehr Strom verkaufen, nicht weniger.

Die Energiewende ist nicht nur ein bisschen mehr Öko, sondern in ihrer Dimension mit der ersten industriellen Revolution vergleichbar. Die großen Energieversorger können und wollen nicht einfache Stromverkäufer bleiben, sondern Dienstleister werden, die Energie-Handling anbieten. Die EnBW wird sich hier mit unserer Unterstützung zu einem Vorzeigeunternehmen entwickeln.

Kommentare zu " Winfried Kretschmann: „Die Debatte um die Strompreise ist Hysterie“"

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  • In der Betrachtung EEG Vergütungen abzüglich Strombörsenerlöse wird nur ein Teil der Kosten des umweltschädlichen Oekostroms abgebildet.

    Eine simple Gesamtrechnung besteht darin, dass Zufallsstrom vollständig durch Schattenkraftwerke zuverlässig verfügbare Kapazitäten abgedeckt werden muss und der Wert des Zufallsstroms in den vermiedenen Brennstoffkosten, ca. 1c/kWh, liegt.

    Bekannte (mit Maulkorb) haben mich darauf hingewiesen, dass diese Rechnung sehr optimistisch ist. Der Ausbau des Netzes auf allen Ebenen und dessen Kosten bleiben unberücksichtigt, die Kosten des Fahrens in Teillast und das rasche hoch- und herunterregeln der Kraftwerke verursacht enorme Brennstoffkosten und Verschleiss. Bei einer ganzheitlichen Betrachtung ist der Wert von Wind- und Solarstrom in einem bedarfsgesteuertem Netz möglicherweise negativ.

    Die stromintensiven Betriebe NRWs profitieren vom preiswerten Braunkohlestrom. Eine vom Verstand bestimmte Stromversorgung besteht in einem Mix aus Kernenergie, Braunkohle, Steinkohle und Erdgas. Dabei nutzt man die Vorteile, beispielsweise sind die Baukosten von Erdgaskraftwerken sehr niedrig, die Brennstoffkosten sind bei Kernkraftwerken inkl. Entsorgung, ohne Brennelementesteuer* am geringsten. Braunkohle macht max. 100Km abseits der Tagebaue Sinn.

    Vandale

    *Eine endgültige Gerichtsentscheidung steht aus

  • @vandale
    Also dort wo am meisten Photovoltaik-Strom angebaut wird, müsste deckungsgleich der KBW = Kommunistischer Bund Westdeutschland mit seinen gewalttätigen Demonstrationen zuhause sein. Und dann noch der Verweis auf die Geldquelle=DDR, Position zur Kernenergie...Atomkraftwerke nur im Sozialismus. Eines dieser Länder ist Bayern. Hier bekommen die Einwohner nach Lesart einiger Schreiberlinge auch „Trittiner“ genannt, im Jahre 2011 1,1 Milliarden Euro für PV-Strom überwiesen. Es ist schon peinlich zu erfahren, wie sich die Leute hier für Technik die nur 4 Energiegroßkonzerne anwenden können, ins Zeug legen, um das Vorgehen den zumeist in der CSU beheimateten „Kommunisten“ mit erneuerbaren Energien das Handwerk legen zu wollen.

    Und dann wird da noch vergessen, dass die energieintensive Industrie in NRW recht gut ohne Atomstrom auskommt und Energie deutlich preiswerter ist als früher (Altmaier).
    Wer heute auf die Einkommenschwachen verweist, verdrängt, dass die Politik immer schon mit einer deutlichen Energiepreissteigerung und damit Bevölkerungsarmut gerechnet hatte:

    Die EEG-Umlage ist die Preisdifferenz zwischen der im EEG festgelegten Einspeisevergütung und dem an der Strombörse erzielbaren Gegenwert des eingespeisten Stroms. Steigende Strompreise führen zu einem geringeren Differenzbetrag, damit zu einer niedrigen EEG-Umlage und umgekehrt. Zur Zeit haben wir billige Energie in Hülle und Fülle und müssen daher ab Herbst mit einer höhere EEG-Umlage rechnen. Sollte Strom teurer werden, wird die EEG-Umlage als Differenzbetrag niedriger.

  • @ Oelblase
    "Definitiv: Ja.

    Die Atomabfälle sind ein Faß ohne Boden, für den der Steuerzahler aufkommen muss. Wenn die Atomenergie so toll und supergünstig ist, wieso haben wir dann noch nichts davon gehört, dass E.On/RWE/EnBW/Vatennfall für diese Kosten aufkommen müssen ???"

    ->auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Ein Faß ohne Boden dient also als Rechtfertigung, ein zweites Faß ohne Boden aufzumachen!?!?!?

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