„Wir befinden uns in der Ouvertüre zur großen Oper“
Auf nach Glienicke

Die immer neuen Ansprüche gehören zum Machtpoker: Die SPD will die Preise bei den Koalitionsverhandlungen hoch treiben. Doch auch die betonharte Verhandlungsfront der Sozialdemokraten bekommt erste Risse.

BERLIN. Grimmig schaute Gerhard Schröder in die Kameras. Nicht nur die warme Spätsommersonne blendete ihn am Donnerstagnachmittag. Auch die Journalistenfrage, ob er für das Zustandekommen einer großen Koalition auf das Amt des Bundeskanzlers verzichten würde, trübte seine Laune. "Haben Sie die Frage der anderen Seite auch gestellt?" konterte er bissig unter Anspielung auf CDU-Chefin Angela Merkel, die kurz zuvor an derselben Stelle gestanden hatte. Nein, er wolle sich seinen Freund Joschka Fischer, der dem politischen Leben entsagt hat, nicht zum Vorbild nehmen. Das Ziel der Partei, die für eine von Schröder geführte Regierung kämpft, sei auch seines.

Nichts Neues also nach dem ersten Abtasten von Union und SPD nach den Wahlen? Substanzielle Fortschritte auf dem Weg zu einer möglichen großen Koalition seien vorerst auch nicht zu erwarten, heißt es in der SPD-Spitze. Vor der Nachwahl in Dresden am 2. Oktober werde keine Seite einen Trumpf aus der Hand geben. "Wir befinden uns in der Ouvertüre zur großen Oper", spöttelte ein Mitglied der SPD-Fraktionsspitze. Am Ende der Aufführung, beteuerte SPD-Chef Franz Müntefering erneut, solle "möglichst bald" eine Regierung mit stabilen Mehrheiten stehen, "die von Gerhard Schröder" geleitet wird.

In der Euphorie des Wahlabends, der den Sozialdemokraten gemessen an den Erwartungen ein relativ erträgliches und der Union ein katastrophales Ergebnis beschert hatte, sah der Weg zur Macht noch relativ einfach aus. Die FDP werde einknicken und sich für ein Bündnis mit SPD und Grünen anbieten, Merkel unter enormen Druck geraten und möglicherweise abtreten, hatten die Genossen im Willy-Brandt-Haus spekuliert. Diese Aussicht, gepaart mit einem Schub von Endorphinen, hatte Schröder zu seinem arroganten Auftritt in der "Berliner Runde" verleitet, den er inzwischen selbst als "suboptimal" bezeichnet. "War nicht gut, ich weiß", sagte er der Wochenzeitung "Die Zeit".

Objektiv haben die Sozialdemokraten am Sonntag 29 Abgeordnetenmandate und den Status der stärksten Bundestagsfraktion eingebüßt. Wie schon nach dem Debakel in Nordrhein-Westfalen, als er überraschend Neuwahlen ankündigte, neutralisierte der Zocker Schröder den Verlust durch die Verdoppelung des Einsatzes: Nur unter seiner Führung werde es eine Regierung mit sozialdemokratischer Beteiligung geben, postulierte er unter dem Beifall der Genossen.

In einer Ampelkoalition mit den kleineren Partnern FDP und Grüne wäre dies leicht durchzusetzen gewesen. Doch die FDP lehnt diese Option konsequent ab. Damit bleibt für die Sozialdemokraten nur eine große Koalition mit der Union. Entsprechend hat die Partei ihre Strategie in den vergangenen Tagen verändert: Fast täglich liefert sie nun neue trickreiche Argumente, weshalb CDU und CSU eigentlich nicht als Einheit zählen und deshalb die SPD der gewichtigere Partner sei.

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