Hohe Tarifabschlüsse gab es noch im Frühjahr. Doch die Konjunktursorgen wachsen und den Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie droht bei der Lohnrunde im Herbst ein Rückschlag. Gesamtmetallchef Martin Kannegiesser über das Dilemma der Lohnpolitik bei steigenden Rohstoffpreisen.
Gesamtmetall-Chef Kannegiesser: "Wenn die Spatzen die Abkühlung der Weltkonjunktur von den Dächern pfeifen, dürfen wir davor nicht die Ohren verschließen." Foto: AP
Werden die Metaller Opfer einer späten Lohnrunde?
Ehrlich gesagt, mir fällt es schwer, die Beschäftigten der Metall- und Elektro-Industrie als Opfer zu sehen. In den beiden jüngsten Lohnrunden waren unsere Tariferhöhungen doppelt bis dreimal so hoch wie im Durchschnitt der Wirtschaft. Seit Juni vergangenen Jahres haben sich die Tarifentgelte um 6,5 Prozent erhöht. Wir haben unsere hohen Tarifabschlüsse schon vor den anderen gehabt.
Die Metaller sollen also diesmal zurückstecken?
Es ist noch nicht allzu lange her, dass in der Tarifpolitik sogar über Nullrunden diskutiert werden musste. Wir haben uns aus diesem tiefen Loch herausarbeiten können – mit kräftigem Rückenwind der Weltkonjunktur, die jetzt aber dabei ist abzukühlen. Diese Abkühlung müssen wir berücksichtigen, wenn wir im Herbst über das Jahr 2009 reden. Die Betriebe müssen die Löhne von morgen aus den Einnahmen von morgen bezahlen, nicht aus den Umsätzen von gestern.
Wie stark drücken die kräftig gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise aufs Geschäft?
In einigen Sparten mit besonders hohem Rohmaterialanteil zeigen sich bereits jetzt erste konkrete Bremsspuren, dazu gehört etwa die Automobilzulieferindustrie. Zugleich wächst in der gesamten Industrie die Unsicherheit, weil die weitere Entwicklung so schwer kalkulierbar ist.
Die Rohmaterialanteile sind aber doch sehr unterschiedlich je nach Unternehmen.
Trotzdem schlagen die Kostensteigerungen über höhere Zulieferpreise wie ein Dominoeffekt auf immer weitere Bereiche der Industrie durch. Ich erlebe das in meinem Unternehmen – obwohl wir gerade nicht besonders materialintensiv produzieren: Hinter einer Reihe angekündigter oder schon durchgesetzter Preiserhöhungen von Lieferanten stehen die gestiegenen Rohstoffpreise. Einige Stahlanbieter kündigen sogar laufende Verträge, um höhere Preise durchzusetzen. Sehen Sie sich die Entwicklung der Eisenerzpreise an. Das hat es wirklich lange nicht gegeben.
Nun malen Arbeitgeber vor Tarifrunden gern ein düsteres Bild. Warum soll die IG Metall das diesmal ernster nehmen als sonst?
Es wäre verantwortungslos, die Konjunktur schwach zu reden, nur um am Ende ein Lohnprozent zu sparen. Inzwischen geht es aber nicht mehr nur um Stimmungen und Einschätzungen, sondern auch um harte Fakten. Die Weltwirtschaft kann den Anstieg der Energie- und Rohstoffpreise nicht einfach wegstecken, und das trifft dann gerade unsere so exportstarke Industrie. Das Jahr 1995 sollte uns ein warnendes Beispiel sein: Damals haben wir in eine erkennbare Abkühlung hinein einen zu hohen Abschluss gemacht mit den bekannten Folgen...
... mehr Produktionsverlagerung ins Ausland, Abwendung vom Flächentarifvertrag...
...jedenfalls ein enormer zusätzlicher Kostendruck. Wenn die Spatzen die Abkühlung von den Dächern pfeifen, dürfen wir davor nicht die Ohren verschließen.
Und was von alledem soll nun die Tarifpolitik abfangen?
Sie kann das alles nicht ausgleichen, aber natürlich verantwortet sie einen wichtigen Kostenfaktor. Immer mehr Unternehmen sind dabei, unter erheblichen Druck zu geraten, und diesen darf die Tarifpolitik nicht noch erhöhen. Man darf sie in keiner Richtung überfrachten und überfordern.
Ein Problem mit der Teuerung haben aber auch die Beschäftigten. Sie erwarten von der Lohnpolitik einen Inflationszuschlag. Zu Unrecht?
Wir sehen die Problematik für unsere Mitarbeiter wie für uns alle und stecken in einem Dilemma. Aber durch hohe Benzin-, Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise geht die Kaufkraft nun einmal aus dem Land. Sie bleibt eben auch nicht bei den Betrieben der Metall- und Elektroindustrie. Deshalb können wir abgeflossene Kaufkraft ebenso wenig durch Lohnerhöhungen zurückholen wie die Zentralbank durch Gelddrucken.
Ist dann nicht einmal Spielraum für einen Inflationsausgleich?
In einer solchen Situation ist Inflationsausgleich nicht ein automatischer Anspruch an unsere Betriebe. Wir müssen diesen Inflationsausgleich durch eine höhere Produktivität, mehr Innovationen und den Ausbau unserer Positionen auf den Weltmärkten erst erarbeiten. Wir müssen versuchen, dem Kaufkraftabfluss in die Rohstoffländer entgegenzuwirken.
Und wie stehen die Chancen, dass das gelingt?
Wir müssen nicht in Angst verfallen. Unsere Industrie ist heute im Durchschnitt deutlich stabiler aufgestellt als im jüngsten Abschwung. Zu den Realitäten, an denen sich Tarifpolitik für das Jahr 2009 orientieren muss, gehört neben der Preisentwicklung aber auch, dass sich die Lage auf unseren wichtigsten Absatzmärkten verschlechtert. Allein unsere klassischen Exportmärkte in Westeuropa und den USA tragen mit rund 300 Mrd. Euro jährlich fast ein Drittel zum Umsatz unserer Branche bei.
Die IG Metall stimmt sich auf eine höhere Forderung ein als die 6,5 Prozent vor der Lohnrunde 2007/08. Ein Grund zur Sorge?
Ich nehme die Diskussion zur Kenntnis. Die Ausgangslage ist objektiv schwierig. Denn neben Inflation und Konjunkturrisiken kommt das Gefühl mancher Arbeitnehmer hinzu, sie hätten vom Aufschwung nicht genügend profitiert. Das ist objektiv zumindest für unsere Branche falsch.
Warum?
Die deutschen Metallarbeitnehmer sind nach wie vor die bestbezahlten der Welt. Unsere Unternehmen haben nicht nur die Löhne erhöht, sondern zudem innerhalb von gut zwei Jahren 230 000 neue Stammarbeitsplätze geschaffen. Zugleich sind die Arbeitsplätze sicherer geworden, und neue Perspektiven für junge Leute entstanden. Unsere Unternehmen haben sich in der Phase des Aufschwungs mustergültig verhalten: Zunächst haben sie die teilweise gefährlich ausgedünnte Eigenkapitalausstattung verbessert, dann die Investitionen wieder gesteigert und dann Beschäftigung aufgebaut.
Nach dem laufenden Tarifvertrag konnten die Betriebe einen Teil der Lohnerhöhung für 2008 bei Bedarf etwas aufschieben. Wie viele haben das denn genutzt?
Konkret ist davon bisher kaum bis wenig Gebrauch gemacht worden, weil es den Unternehmen im Durchschnitt gut ging. Ein Argument gegen solche Differenzierungsklauseln ist das aber nicht. Auch im Flugzeug hat man immer eine Rettungsweste, obwohl sie – Gottseidank – fast nie gebraucht wird.
Das Gespräch führte Dietrich Creutzburg.


