„Wir können in Deutschland vieles möglich machen“
Die Köhler-Rede im Wortlaut

Bundespräsident Horst Köhler hat seine Antrittsrede unter das Motto „Wir können in Deutschland vieles möglich machen“ gestellt.

Herr Präsident des Deutschen Bundestages,
Herr Präsident des Bundesrates,
Herr Bundespräsident Rau,
sehr verehrte Frau Rau,
Herr Bundeskanzler,
Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichtes,
meine Damen und Herren!

Ich danke ganz herzlich für die freundlichen Worte und guten Wünsche. Darüber freue ich mich. Sie sind mir Ansporn und Ermutigung für mein Amt.

Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident Rau, möchte ich besonderen Dank sagen. Ihre Amtszeit - das waren bewegte Jahre. Vier Stichworte genügen schon: die Jahrtausendwende zu Beginn, die EU-Osterweiterung vor wenigen Wochen, der 11. September 2001, die fortschreitende Globalisierung. Wir waren uns einig, dass letztere gerade für Deutschland Chancen bietet, dass sie aber auch der Gestaltung bedarf. Für Sie, lieber Herr Rau, ist es immer der einzelne Mensch in seiner unverwechselbaren Würde, der im Zentrum Ihres Denkens und Handelns steht. Und es ist Ihr christlicher Glaube, der Ihr Menschenbild prägt. So haben Sie das Vertrauen der Menschen gewonnen. So waren Sie im besten Sinne ein Bürgerpräsident. So bleiben Sie uns Vorbild. Lieber Herr Rau, wir danken Ihnen heute dafür, wir danken Ihnen für Ihren großen Dienst an unserem Land.

Sie sagten einmal: "Ohne meine Frau hätte ich dieses Amt nicht ausfüllen können." Ich bin überzeugt, auch mir wird es nicht anders gehen. Umso mehr, liebe Frau Rau, gebührt auch Ihnen heute Respekt und Anerkennung. Mit Ihrem zupackenden Einsatz vor allem für Kinder in Not und dabei besonders für Straßenkinder haben Sie Herzen geöffnet und gewonnen. Sie haben gezeigt: Not und Bedürftigkeit sind nicht anonym, dahinter stehen Namen. Namen von Menschen, mit deren Schicksal man sich nicht abfinden darf. Sie haben viel Gutes getan, liebe Frau Rau, danke dafür.

Meine Damen und Herren,

ich will Ihnen zunächst von etwas berichten, was mich in dieser Form schon etwas verwundert hat. Seit dem 23. Mai - dem Tag der Bundesversammlung - werde ich immer wieder gefragt: "Was genau lieben Sie an Deutschland?" oder "Warum lieben Sie denn Deutschland?" Wenn ich dann auf die Landschaften, die Dialekte, die Literatur, die Musik verweise, dann sagen die Leute: "Ja, ja, das ist sicher richtig". Aber sie sagen auch: "Das allein kann es ja wohl nicht sein!" Und tatsächlich: Landschaft, Sprache, Musik - ist das wirklich alles? Zumal in einer Zeit, in der nicht wenige Menschen große Sorgen haben, in der unser Land unübersehbar in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ist, in der sich neue Spaltungstendenzen in unserer Gesellschaft bemerkbar machen. Spaltungen, wie sie es in dieser Form vor zwei oder drei Jahrzehnten noch nicht gab. Und damit meine ich nicht allein Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland. Ich meine die Unterschiede, die mitten durch unsere Gesellschaft gehen: Menschen, die Arbeit haben und diejenigen, die ohne Aussicht auf Arbeit leben, Gutverdienende ohne Kinder und Familien mit Kindern oder Alleinerziehende ohne geregeltes Einkommen und Perspektive. Ich meine die dramatische Alterung der Bevölkerung mit drohenden Konflikten zwischen Alt und Jung. Und ich meine auch die Gefahr der Entwicklung von Parallelgesellschaften in unseren Städten, ausgelöst dadurch, dass die Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion nicht klappt.

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