Der Frustpegel steigt. Insgesamt 16 000 Soldaten dienen derzeit im Kosovo. Sie sollen die Krisenregion stabilisieren. Für sie stellt sich immer drängender die Frage: Wie lange soll das hier noch so weitergehen? Viele Bundeswehrsoldaten wären lieber in Afghanistan, statt in Prizren Wache zu schieben – ein Ortsbesuch.
PRIZREN. Laut und zynisch fällt die Begrüßung aus: „Gebt alles, Jungs! Hier werdet ihr echt gebraucht“, rufen Bundeswehrsoldaten im Kosovo kurz vor ihrem Abflug in die Heimat ihren Kollegen zu, die gerade auf dem Militärflugfeld in Pristina gelandet sind. 66,47 Euro Zulage täglich, fast risiko- und vor allem steuerfrei, locken die Männer auf den Balkan.
Doch einmal angekommen, nagen schnell Zweifel an den Männern: „Wir setzen hier unsere besten Kampfeinheiten ein für Wachaufgaben, und nach Afghanistan müssen wir auf Grund des Mangels an bestausgebildeten Verbänden Artilleristen schicken“, ereifert sich ein Offizier, der mit seinem Zug in die Nähe von Prizren verlegt wurde. Wie fast alle Offiziere und Soldaten hier im Einsatz darf er seinen Namen nicht nennen. Anonym schiebt er nach: „Ich wäre lieber in Afghanistan im Einsatz.“ Das sei zwar für die Familie daheim viel schwerer zu ertragen, sie lebe dann stets in Sorge. Doch in Afghanistan würden die Uniformierten zumindest gebraucht, dort gehe die Zeit daher auch „viel schneller rum als hier mit Warten und Wacheschieben“, begründet er.
Der Frustpegel steigt. Immer mehr Bundeswehrsoldaten stellen den Sinn ihrer Arbeit im Kosovo in Frage. Angesichts der zahlreichen Auslandseinsätze hat Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung vor einer Überforderung der Bundeswehr gewarnt und bereits gefordert, die ein oder andere Auslandsaktion zu beenden – wie zuletzt im Kongo. Ein Ende des Kosovo-Einsatzes, der inzwischen ins neunte Jahr geht, ist aber noch nicht in Sicht.
Insgesamt 16 000 Soldaten gehören dort derzeit zum Kfor-Kommando der Nato. Sie sollen die Krisenregion stabilisieren. Und für sie stellt sich immer drängender die Frage: Wie lange soll das hier noch so weitergehen?
„Die Amerikaner machen Druck, im Kosovo eine endgültige Lösung zu finden, das Kosovo in die Unabhängigkeit von Serbien zu entlassen“, sagt ein ranghoher internationaler Diplomat in der kosovarischen Hauptstadt Pristina und schiebt den Grund gleich nach: „Washington will seine Soldaten vom Balkan abziehen. Die Amerikaner brauchen ja schließlich ganz dringend neue Einsatzkräfte im Irak.“
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Militärisch seien 16 000 Mann angesichts der aktuellen Lage völlig übertrieben. „3 000 würden vollkommen reichen“, sagt der erfahrene Diplomat. Nur aus politischen Gründen, um die serbische Minderheit nach einer Unabhängigkeitsentscheidung nicht zusätzlich zu verunsichern, sei die derart massive Militärpräsenz noch zu rechtfertigen.
Noch aber sorgen 2 300 Bundeswehrsoldaten im Süden, um die Stadt Prizren herum, für Sicherheit unter Serben, Albanern, Bosniaken und Roma. Mit ihren „Wölfen“ (Militärfahrzeuge von Mercedes) und „Dingos“ (gepanzerte und mit Maschinengewehr versehene Uniomogs) fahren sie dort ihre Patrouillen – oder sie gehen zu Fuß durch die Dörfer. „Wir sind so eine Art Latte-macchiato-Truppe“, witzeln die Soldaten bereits untereinander.
Viele von ihnen sind dafür zuständig, den Kontakt zu Bürgermeistern zu halten oder gelegentlich auch schon mal in Cafés Gespräche mit örtlichen Unternehmern zu führen und sich die Sorgen der Anwohner zu Herzen zu nehmen.
„Hier gibt es sonst niemanden, der sich engagiert“, reden die Brüder Sachi und Sabe Rama gerade auf einen deutschen Oberstabsfeldwebel ein. Ihr Haus im Dörfchen Musnikovo droht den Abhang zum Bistrica-Fluss hinabzurutschen. Die Frauen weinen und strecken ihre Finger hoch zu den größer werdenden Rissen im Gemäuer.
Der graubärtige Soldat wird fast pathetisch, als er sagt: „Ich verspreche, dass wir sie nicht allein lassen. Ich beobachte das sehr genau und werde bei den Zuständigen nachfragen“, sagt der Uniformierte.
Die Bitte, einen Bautrupp zu schicken, muss der Mann allerdings ablehnen. Er verweist auf Bürgermeister und Gemeinderat: „Das ist jetzt der neue Weg hier. Wir kümmern uns zwar um die Angelegenheiten, aber letztendlich machen müssen das die dafür Verantwortlichen.“
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Doch noch immer setzen die Menschen an der Bistrica mehr auf die Bundeswehr als auf die neu gewählten Ortskräfte. „Niemand sonst hilft uns doch wirklich. Der Bürgermeister macht doch nichts ohne den Druck der Bundeswehr“, meint Sachi Rama, der mit schwäbischem Akzent spricht. Er ist eigens aus Ulm gekommen, um seinem fünf Jahre älteren Bruder bei der Rettung seines Hauses zu helfen, berichtet der 60-jährige Bauarbeiter, der seit 1971 in Deutschland „ein bissle schafft“. Fingerspitzengefühl und Landeskunde sind inzwischen weit verbreitete Tugenden der deutschen Soldaten bei ihren Missionen im Ausland. Doch diese nagen immer mehr an ihrem Selbstverständnis als Uniformierte: „Das ist ein Job nicht für uns, sondern für Wachdienste“, meint ein Feldwebel. Und ein Hauptgefreiter beschreibt die Lage seiner Kameraden im Kosovo so: „Die größten Gefahren sind wilde Hunde und der Straßenverkehr. Da ist es schon sehr schwer, sich die ganzen vier Einsatzmonate lang zu motivieren.“
Hinzu kommt die Häme der Nato-Kollegen über die angebliche Hasenfüßigkeit, da man nur im Kosovo und nicht im heiß umkämpften Süden Afghanistans stationiert sei.
Dorthin lockt die Soldaten möglicherweise auch die höhere Zulage von 92,03 Euro täglich, vermutet Oberstleutnant Jürgen Rose. Der 48-Jährige verweigerte die Beteiligung am Tornado-Einsatz in Afghanistan, der jüngst im Bundestag beschlossen wurde. Die Bundeswehr hat den Verweigerer daher versetzt. Statt die logistische Unterstützung für die Afghanistan-Tornados zu planen, arbeitet Rose ab gestern in der Liegenschaftsabteilung seiner Einheit in Bayern.
Bislang ist er noch der einzige Afghanistan-Verweigerer der Bundeswehr. „Bei den jungen Soldaten überwiegt halt das Finanzielle“, sagt Jürgen Rose, „sie stellen die Risiken zurück.“ Zudem sei bislang bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr wenig passiert.
65 Tote bei allen Auslandsmissionen seit Ende des Kalten Krieges hatte die Bundeswehr bisher zu beklagen – deutlich weniger als verbündete Armeen.
Ob aber die deutsche Öffentlichkeit auf höhere Opferzahlen bei immer gefährlicher werdenden Auslandsmissionen vorbereitet sei? Generalmajor Rainer Glatz, der drei Monate lang den Befehlshaber des Einsatzführungskommandos vertrat, bezweifelt das.
Der Offizier beklagt zudem in dem Fachmagazin „Die Bundeswehr“: „Es ist fast schon absurd, die Wirksamkeit eines Einsatzes an Opferzahlen zu messen.“


