Wirtschaft im Saarland
Der Zwerg setzt auf die Industrie

Durch seine starke Exportwirtschaft hat das kleine Saarland den Strukturwandel erstaunlich gut überstanden. Sorgen bereiten jedoch die hohen Schulden des Landes.
  • 0

Wirtschaftlich gesehen hat das Saarland eine Sonnen- und eine Schattenseite: Einer dynamischen, von der Industrie geprägten Unternehmenslandschaft stehen völlig überschuldete öffentliche Haushalte gegenüber. Mit einer Verschuldung, die mehr als einem Drittel der jährlichen Wertschöpfung entspricht, steht das kleine Land am Rande Deutschlands so hoch in der Kreide wie kein anderes Flächenland.

Schuld daran sei der Strukturwandel, sagt Heino Klingen, Chefvolkswirt der saarländischen Industrie- und Handelskammer: Das Ende der Montanindustrie, in der vor 50 Jahren noch 100 000, heute aber nur noch 14 000 Saarländer arbeiten, hat ein riesiges Loch in die Staatsbilanz gefressen. Zum Vergleich: Hätte ganz Deutschland einen ähnlichen Wandel durchmachen müssen – mehr als fünf Millionen Einwohner hätten sich einen anderen Job suchen müssen.

Doch während die Altlasten des Bergbaus die Handlungsfähigkeit der Politik noch auf Jahre einschränken werden, hat die Wirtschaft den Wandel geschafft: Heute bestimmt eine erfolgreiche Automobilindustrie das Land – unter anderem produzieren hier Eberspächer, Bosch, ZF und Ford. Andere Zugpferde sind der Maschinenbau und die High-Tech-Stahlindustrie – allesamt Sektoren mit großer Zukunft, schließlich sind das genau die Produkte, die in den Schwellenländern immer mehr nachgefragt werden.

„Das Ruhrgebiet hat viel größere Probleme, den Strukturwandel zu schaffen“, sagt Michael Bahrke vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), der regelmäßig die wirtschaftliche Situation der Bundesländer vergleicht. Die Hauptstadt Saarbrücken habe sich zudem in den letzten Jahren zu einem Dienstleistungszentrum entwickelt. Rund um die Universität fänden sich hier mittlerweile viele starke Start-Ups aus dem IT-Bereich, so Bahrke.

Doch ansonsten ist und bleibt das Land eine Industrieregion – und setzt damit auf die richtige Karte: In keinem anderen westlichen Bundesland stieg das Bruttoinlandsprodukt zwischen 2000 und 2007 so stark wie im Saarland. Getrieben wurde der Aufschwung des Zwergenstaats, der kaum mehr Einwohner hat als Köln, vor allem von der Exportwirtschaft, die hier traditionell stark ist. Kein Wunder – zwar liegt das Land am Rande Deutschlands, aber gleichzeitig im Herzen Europas. Die Exportquote des Saarlandes liegt offiziell bei gut 50 Prozent, doch nach Meinung der IHK faktisch eher bei 70: Schließlich werden die Teile, die die vielen regionalen Automobil-Zulieferer herstellen, erst in andere Bundesländer gebracht, dort verbaut – und dann exportiert. „Viele deutsche Autos sind halbe Saarländer“, sagt IHK-Ökonom Klingen.

Doch während der Wirtschaftskrise 2008/2009 wurde die Abhängigkeit vom Export zum großen Nachteil: In keinem anderen Bundesland brach die Wirtschaft so stark ein wie im Saarland. Doch inzwischen hat sich das Land berappelt: Was die Wirtschaftsleitung und die Zahl der Arbeitsplätze anbelangt, liegt man heute im gehobenen Mittelfeld der Bundesländer.

Der Arbeitsmarkt zog zuletzt merklich an: Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs lag im Dezember um 2,4 Prozent über der des Vorjahresmonats – eine Steigerung, die in etwa dem deutschen Schnitt entspricht. Gleichzeitig verzeichnete das kleine Land im ersten Halbjahr 2011 mit 4,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum das zweithöchste Wachstum aller Bundesländer.

Der Redakteur des Handelsblatts ist Experte für Konjunktur.
Hans Christian Müller-Dröge
Handelsblatt / Redakteur

Kommentare zu " Wirtschaft im Saarland: Der Zwerg setzt auf die Industrie "

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%