1 Bewertung ***
16.09.2008 
Alkoholkonsum

Wirtschaft lehnt Werbeverbote ab

von Peter Thelen

Die Wirtschaft läuft Sturm gegen Empfehlungen des Drogen- und Suchtrats der Bundesregierung. Der zunehmende Alkoholmissbrauch unter Jugendlichen könne laut dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft nicht mit Reklamebeschränkungen und Verkaufsverboten bekämpft werden. Die Genussmittelbranche sieht sich indes zu Unrecht in der Rolle des Sündenbocks.

Jugendliche vor einer Reklametafel für Zigaretten: Der Drogen- und Suchtrat der Bundesregierung möchte diese Art der Glimmstängel-Werbung komplett verbieten. Foto: dpaLupe

Jugendliche vor einer Reklametafel für Zigaretten: Der Drogen- und Suchtrat der Bundesregierung möchte diese Art der Glimmstängel-Werbung komplett verbieten. Foto: dpa

BERLIN. Laut dem Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft bleibe der Konsum und Missbrauch von Alkohol auch bei massiven Werbebeschränkungen konstant. Bei einer Anhörung zu den Plänen des Drogen- und Suchtrats der Bundesregierung zur Bekämpfung des Alkoholmissbrauchs stützte sich der Verband dabei auf Beispiele aus Skandinavien und Frankreich.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) stieß ins gleiche Horn und warnte davor, „einen Sündenbock zu suchen“. Das Problem sei nicht das Produkt Alkohol an sich, sondern ein fehlgeleiteter Konsum, so die Interessenvertretung der Beschäftigten in der Getränkewirtschaft und im Gaststättengewerbe. Nach Ansicht der Werbewirtschaft seien die Ursachen für die Flucht Jugendlicher in den Alkohol konfliktträchtige Eltern-Kind-Beziehungen oder Schulprobleme.

Der Drogen- und Suchtrat spricht sich unter anderem für ein Verbot der Alkoholwerbung in Fernsehen und Kino vor 20 Uhr und der Verbindung solcher Werbung mit Sportsendungen aus. Außerdem will er die Promillegrenze für Autofahrer von 0,5 auf 0,2 senken und die Plakatwerbung für Zigaretten komplett verbieten. Ferner sollen die Verkaufszeiten und -orte für Alkohol einschränkt werden.

„Staatliche Verbote bringen generell nichts“, sagte der Chef des Brauerbundes, Peter Hahn, dem Handelsblatt. Er verwies auf die vor einigen Jahren eingeführte Alcopopsteuer. „Die hat zwar dazu geführt, dass Bacardi seine Produktion dieser Getränke einstellen musste.“ In der Folge sei aber der Wodkaabsatz um über zehn Prozent gestiegen. Dies sei ein starkes Indiz dafür, dass die Jugendlichen sich nun ihre Alcopops selber mixten. Zudem sei der Konsum vom Bier und hartem Alkohol in Deutschland seit Jahren rückläufig. „Bei der Werbung geht es deshalb doch längst nur noch um den Kampf um Marktanteile an einem insgesamt schrumpfenden Kuchen.“

Die Verbände der Zeitungs- und Zeitschriftenverleger warnten, Werbeverbote schnürten die Finanzgrundlage der Presse ein und führten zu Beschränkungen bei der Aufklärung über Alkohol. Der Fachverband Sponsoring fürchtet Verluste in Höhe von rund 600 Mill. Euro für Kultur- und Sportveranstaltungen. Einig sind sich alle Kritiker darin, dass Werbeeinschränkungen auch den Konsum bei Jugendlichen nicht senken würden.

Das sieht die Drogenbeauftragte Sabine Bätzing (SPD) freilich anders. Sie verweist neuere aus den USA und Belgien. Diese zeigten übereinstimmend, dass Jugendliche um so früher mit dem Trinken beginnen und um so mehr Alkohol zu sich nehmen, je mehr Alkoholwerbung sie sähen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Konjunkturbeschleuniger verzweifelt g...

    Konjunkturbeschleuniger verzweifelt gesucht

    Wie soll die schwächelnde Konjunktur wieder angekurbelt werden? Im Umfeld der Bundesregierung kursieren die unterschiedlichsten Modelle. Den Stein der Weisen hat aber noch keiner gefunden. Fakt ist: Dem bereits geschnürten ersten Wachstumspaket soll ein zweites folgen....Bildergalerie 

  • Die Säulen der thailändischen Gesells...

    Die Säulen der thailändischen Gesellschaft

    Nation, Monarchie und Religion sind die drei Eckpfeiler, die den Rahmen der thailändischen Gesellschaft bilden. Die Stärke und Tragkraft der thailändischen Gesellschaft resultiert aus der Tragkraft dieser drei Säulen. Es ist der einzige Staat der dem Kolonialismus trot...Bildergalerie 

  • Thailands Flughäfen geräumt

    Thailands Flughäfen geräumt

    Aufatmen für Hunderttausende Touristen: Die thailändischen Regierungsgegner haben die Blockade der internationalen Flughäfen beendet. Bilder vom - zumindest vorübergehenden - Ende einer Krise.Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Den Nullzins vor Augen  Artikel in Merkliste

05.12.2008, 07:05 Uhr von Nobert Häring

Wenn die Welt in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit abgleitet, muss die Wirtschaftspolitik Gewohnheiten aus normalen Zeiten hinterfragen. Das gilt auch für die Geldpolitik. Innerhalb weniger Wochen haben sich die Perspektiven für Inflation und Wachstum dramatisch verändert. Da ist das übliche Finetuning der Zinsen in kleinen Schritten nicht mehr sinnvoll. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Letztes Aufgebot  Artikel in Merkliste

05.12.2008, 05:19 Uhr von Helmut Hauschild

Vor allzu viel deutscher Euphorie sei tgewarnt. Die aktuelle Personalrochade könnte ein kurzes Hurra für die Bundesregierung sein. Kommentar