Wirtschaftsethiker Thielemann
„Steuerflucht ist kein ziviler Ungehorsam“

Ist der Ankauf der Steuersünder-CD verwerflich? Der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann über die erlaubten Mittel von Steuerfahndern, die Frage warum Menschen Steuern hinterziehen und den Abschreckungseffekt der öffentlichen Jagd.
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Der deutschen Finanzverwaltung werden brisante Bankdaten von Steuerhinterziehern aus der Schweiz angeboten. Überrascht sie das?

Eher weniger. Damit war zu rechnen. Die Schweiz hat sich im letzten Jahr zwar im Prinzip zu den Grundsätzen der OECD bekannt, das Wohnsitzprinzip bei der Besteuerung zu respektieren. Mir scheint jedoch, dass man von einer effektiven Zusammenarbeit zwischen den Steuerbehörden noch reichlich weit entfernt ist.

Sollte der deutsche Staat die Daten kaufen?

Dies ist eine Güterabwägung, die die deutsche Politik entscheiden muss, selbstverständlich innerhalb der Grenzen der Rechtsstaatlichkeit. Man darf aber auch fragen, wer dazu Anlass gibt, dass Deutschland diese Güterabwägung vornehmen muss. Dies sind selbstverständlich die Steueroasen, diee durch die Verweigerung oder die nur unzureichende Gewährung des fiskalischen Informationsaustausches faktisch Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten.

Ist die einfache Abwägung zwischen dem Preis der Daten und dem Nutzen angebracht?

Es handelt sich um eine Abwägung zwischen Rechtsgütern. Auf der einen Seite steht das Rechtsgut, die Informationen, die der Rechtsstaat benötigt, auf legalen Wegen zu gewinnen. Auf der anderen Seite die Sicherstellung der Rechtmässigkeit und Gleichmässigkeit der Besteuerung. Letztere wird durch Steueroasen behindert.

Warum hinterziehen denn gerade die Menschen Steuern, die wohl nicht mal einen Schokoriegel im Supermarkt klauen würden?

Viele Menschen verstehen ihr vorsteuerliches Kapital als Eigentum, das ihnen unverbrüchlich zustünde, da sie allein es erwirtschaftet hätten. Sie übersehen dabei, dass Eigentum in sich bereits eine rechtsstaatliche Zuschreibung ist. Der geschuldete Steuerbetrag ist nicht ihr Eigentum. Vor allem aber dürfte es an der Marktgläubigkeit liegen. Marktgläubige finden Steuern grundsätzlich störend, da Steuern das Prinzip von Leistung und Gegenleistung durchbrechen. Dies erscheint einigen beinahe als eine Art Diebstahl. Sie verkennen dabei nicht nur, dass es öffentliche Güter gibt, zu deren Finanzierung jeder herangezogen wird, auch wenn er davon nicht im Masse seiner Zahlungsfähigkeit profitiert.

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Kommentare zu " Wirtschaftsethiker Thielemann: „Steuerflucht ist kein ziviler Ungehorsam“"

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  • @backermeisterbullerjahn

    "Die Alten hatten doch nicht so Unrecht."

    Die alten solle es ja auch vor allem sein, die
    ihr Geld in die Schweiz gebracht haben (aus Angst vor den Russen etc, LOL)...und Unternehmer. Das jedenfalls äußerte grade ein zum Thema befragter Steuerfachanwalt im Südwestfunk, der schon damals in den Lichtensteinfällen ein gefragter Mann war und bei dem jetzt seit kurzem die Telefone nicht mehr still stehen. Gratis für den aufmerksamen und steuer-gebeutelten Seniorenzuhörerer (Zahlt hoffentlich wenigstens GEZ-Gebühren) dazu, noch Tipps wie man jetzt als betroffener vorgehen soll: bellen gehörte jedenfalls nicht dazu.

    Auch wenn Miesmacher wie Sie uns das immer wieder einreden wollen. (:-))

  • Wer kam zuerst das Huhn oder das Ei!? Der Konflikt zwischen der Steueroase und den sogenannten Staats- interessen, kommt mir vor wie der immerwährende Konflikt zwischen israel und den Palästinensern. in Wahrheit eine perverse Gehirnwäsche! Keiner strebt eine Lösung an, weil sie inkomode Wahrheiten offenbaren und ans Tageslicht fördern würde! Wie der korrupte Staat Volksksheim, so dem niederträchtigen Steuersünder! ihr verdient Euch in Eurer gloriosen Mittelmäßigkeit und werdet Euch endlos dezimieren, bis eine neue Welt/hoffentlich Qualitative Demokratie entsteht oder eben diese untergeht. Heil bRD/CH!

  • Selbstverständlich haben wir in Deutschland ein unsystematisches und durch und durch ungerechtes Steuerrecht. Man denke nur an die unsägliche Gewerbesteuer, aufgrund derer auch ich mehr als die Hälfte meiner Einkünfte an den Fiskus abdrücken muss. Dank Gesetzgebung aus den Zeiten des Dritten Reiches, als Hitler diese Meinungsführer für sich gewinnen wollte, werden aber die Einkünfte der Freiberufler nicht dazu veranlagt, wie ich hörte. Daran hat sich seit den Dreißigern nichts geändert.

    Kommunen im Umfeld großer Städte werben mit Dumping-Steuersätzen Firmen ab. Sie nutzen die infrastruktur der Wirtschaftszentren, beteiligen sich aber nicht an der Finanzierung deren Lasten. Die Stadt Eschborn wäre ein Kuhdorf, ohne Frankfurt, deren Unternehmen und Gewerbetreibende für dessen Schmarotzertum blechen dürfen. Jedem, der sich mit der Materie befasst, ist das klar.

    Von der FDP, in ihrem derzeitigen Zustand, war, allen Schwüren zum Trotz, nicht zu erwarten, dass sie hier tatsächlich aufräumt. Nun trägt sie maßgeblich mit dazu bei, das Steuerchaos noch zu vergrößern.

    Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen …..

    Dennoch ist es eine unerträgliche Heuchelei, wenn ein Staat wie die Schweiz, der die Steuerhehlerei im großen Stil legalisiert, sich auf rechtsstaatliche Prinzipien beruft. Was ist schon der Diebstahl eines Datensatzes im Vergleich zu dem Kapitalverbrechen, das sie seit Jahrzehnten selbst planmäßig betreibt?

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