Wirtschaftsexperten fordern 50-Stunden-Woche
Ifo-Chef fordert mehr als 40 Stunden

Eine Anhebung der durchschnittlichen Arbeitszeit in Deutschland auf 44 Stunden pro Woche hält der Präsident des Ifo-Institutes Hans-Werner Sinn für notwendig. Um die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland zu vermeiden, hatten sich gestern Wirtschaftsexperten für eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeiten ausgesprochen und forderten eine 50-Stunden-Woche

HB MÜNCHEN/HAMBURG Nur so ließe sich der Kostennachteil beseitigen, den Deutschland seit 1982 beispielsweise gegenüber den Niederlanden habe, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Sinn dem Magazin "Focus Money". "Fürs Erste würde ich mit 42 Stunden beginnen. Das wäre etwa so viel, wie die Italiener heute arbeiten", fügte Sinn hinzu. Die Deutschen arbeiteten dagegen durchschnittlich nur 38 Stunden.

Gleichzeitig erteilte Sinn der Forderung nach Mindestlöhnen eine Absage. "Mindestlöhne produzieren Arbeitslosigkeit, weil sie einen höheren Preis für Arbeit verlangen, als am Markt zu erzielen ist", sagte der Ökonom. Mindestlöhne würden die Massenarbeitslosigkeit der gering Qualifizierten zementieren.

Bereits gestern hatte sich der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zu Wort gemeldet: „Es muss schon mal 30 oder auch 50 Stunden gearbeitet werden können, wenn dies betrieblich nötig ist“, sagte Klaus F. Zimmermann. Der Arbeitszeitkorridor müsse breiter werden. In vielen Tarifverträgen seien hierfür durch Arbeitszeitkonten bereits Möglichkeiten gegeben.

Auch der Chefvolkswirt der Commerzbank, Ulrich Ramm, hält die 50-Stunden-Woche für sinnvoll, wenn dadurch Arbeitsplätze erhalten werden. Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther, forderte eine generelle Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Firmen sollten in diesem Rahmen die Möglichkeit erhalten, ihre Beschäftigten deutlich mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten zu lassen, so Hüther.

Unterdessen warnte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger vor deflationären Tendenzen. Kostenlose Mehrarbeit sei zwar für einzelne Unternehmen eine gute Sache. Für die Volkswirtschaft bestehe aber die Gefahr, dass die Kaufkraft zurückgehe, und „wir deflationäre Tendenzen bekommen, und dass man sich auf die Art und Weise den Ast absägt, auf dem man sitzt“, sagte der Würzburger Professor dem ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ laut einer Vorabmitteilung. In Japan habe eine Politik der Lohnsenkung eine Deflation ausgelöst, aus der das Land bis heute nicht wieder herausgekommen sei.

Der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bau, Agrar, Umwelt (IG Bau), Klaus Wiesehügel, lehnte ebenfalls eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit auf 50 Stunden kategorisch ab. „Das wäre der falscheste Weg, den wir überhaupt wählen können“, sagte Wiesehügel. „Das produziert massenhaft Arbeitslosigkeit.“ Der zweitgrößte Metall-Tarifbezirk Baden-Württemberg erteilte einer Arbeitszeitverlängerung eine deutliche Absage. „Wir müssen den Bezugspunkt 35 Stunden, unseren erkämpften tariflichen Standard, in den Betrieben verteidigen“, sagte IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann in Karlsruhe. Arbeitszeitverkürzung sei keine Symbolik, sondern ein Weg für mehr Beschäftigung und humanere Arbeitsbedingungen. Es gebe bereits viele Flexibilisierungsreglungen entsprechend betrieblicher Belange und individueller Bedürfnisse.

Siemens hatte sich kürzlich mit den Arbeitnehmervertretern auf eine Verlängerung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich an zwei Standorten in Nordrhein-Westfalen geeinigt. Die von der Arbeitgeberschaft begrüßte Einigung hatte die Debatte um längere Arbeitszeiten in Deutschland angefacht. Wegen der schwachen Nachfrage prüfen nun auch die Hausgeräteherstellern Bosch-Siemens-Hausgeräte, Miele, Electrolux, Bauknecht und Liebherr eine Verlängerung der Arbeitszeiten. Nach Angaben einer IG Metall-Vorstandssprecherin gab es bereits Gespräche zwischen der Vertretern der Tarifparteien. Die Gewerkschaft lehne eine flächendeckende Lösung für die Branche ab; aber um Kostenprobleme und einem Verlagerungsdruck zu begegnen, würden Einigungen für einzelne Produktlinien und Standorte angestrebt, sagte die Sprecherin.

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