Wirtschaftsminister Glos
Der Ungeübte

Als Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) vor einigen Wochen erklärte, ihm stehe die Federführung bei der Vorbereitung des Energiegipfels zu – und nicht Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) –, pfiff ihn Angela Merkel zurück: „Wenn Herr Glos einverstanden ist, sind beide gleich federführend“, beschied die Kanzlerin knapp.

BERLIN. Glos verhielt sich fortan wieder still. Das macht er jetzt seit 100 Tagen. Überwiegend jedenfalls.

Glos, der bajuwarische Haudrauf von ehedem, ist noch auf der Suche nach seiner Rolle, nach dem richtigen Ton und den Inhalten, um die es in seinem neuen Amt geht. Er habe den Auftakt seiner Amtszeit als eine „arbeitsreiche und interessante Zeit“ erlebt, erklärte der Unterfranke in der vergangenen Woche. Anfangs habe er nicht einmal gewusst, wo sein Ministerium in Berlin zu finden sei. Das lag daran, dass auch er selbst nicht damit gerechnet hatte, Wirtschaftsminister zu werden. Für das Amt galt Edmund Stoiber als gesetzt. Als der bayerische Ministerpräsident von der Berliner Bühne floh, fiel die Wahl völlig überraschend auf Glos. Seitdem hat Glos einiges dazulernen müssen. Allerdings ist er noch nicht so weit, dass er sich zu einem Interview über seine grundsätzlichen wirtschaftspolitischen Ziele hinreißen lassen würde.

In den ersten Wochen löste Glos mit einigen seiner wenigen öffentlichen Äußerungen Befremden aus. Er erhöhte kurzerhand die Wachstumsprognose der Bundesregierung, was er später als rein private Meinung abtat. Und als er die segensreichen Wirkungen kräftiger Lohnerhöhungen pries, war die Ratlosigkeit zumindest im Arbeitgeberlager groß.

Glos hat bemerkt, dass er heute seine Worte auf die Goldwaage legen muss. Deshalb überwiegt bei ihm jetzt die Zurückhaltung. Vorbei die Zeit, in der er als CSU-Landesgruppenchef vor keiner kernigen These zurückschreckte und sich in Talkshows in der Rolle des Provokateurs gefiel.

Auf Dauer wird er sich allerdings nicht ganz aus der Tagespolitik heraushalten können. Immerhin umreißt er mittlerweile einige Themenschwerpunkte: Er will die Rahmenbedingungen für den Mittelstand verbessern und Zuversicht in die Wirtschaftsentwicklung vermitteln. Außerdem hat er sich das Thema Energie auf seine Fahnen geschrieben: Es werde eine herausragende Rolle spielen und sein Haus am meisten beschäftigen, sagt der 61-Jährige.

Die Energiebranche hat davon allerdings noch nicht viel gespürt. Bislang erkenne man kein Konzept, sagt ein Energiemanager. Auch bei den Verhandlungen über die Verteilung der Emissionsrechte fühlt sich die Branche allein gelassen.

In der Vorgängerregierung hatte es regelmäßig Streit zwischen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Umweltminister Jürgen Trittin gegeben. Clement kämpfte für die Interessen der Industrie, Trittin für die Belange der Umwelt. Im Moment, so jedenfalls der Eindruck der Wirtschaft, überlässt Glos das Feld kampflos seinem Kabinettskollegen Gabriel.

Doch Glos hat sich offenbar vorgenommen, demnächst Konturen zu zeigen. Er ist zuversichtlich, dass er bald wieder auf sich aufmerksam machen kann. „Wenn ein Jahr um ist, werde ich fragen: Wo ist noch ein Klavier, auf dem ich spielen kann?“

Klaus Stratmann berichtet als Korrespondent aus Berlin.
Klaus Stratmann
Handelsblatt / Korrespondent
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