Wirtschaftsminister
In Amt und Bürde: Erhards schweres Erbe

Michael Glos ist nicht der erste Wirtschaftsminister, der dieses Amt an den Rand der Bedeutungslosigkeit bringt. Viele haben sich schwergetan mit Ludwig Erhards Erbe.

BERLIN. Blitzlichter zucken, Kameras klicken: Der Bundeswirtschaftsminister tritt vor die Presse und präsentiert den Jahreswirtschaftsbericht. Für die Fotografen reckt er die rechte Hand in die Höhe, hält darin den Bericht wie eine Trophäe. Kein Zweifel, das ist ein wichtiger Moment für den Mann.

Zwölf Seiten Redetext haben die Referenten für ihren Ressortchef vorbereitet. Er liest den Text vor. Wort für Wort. Nur einmal weicht er ab. Da geht es allerdings nicht um eines der Kernthemen seines Ressorts, sondern um die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft. Sie werde die Wirtschaft psychologisch beflügeln, sagt Michael Glos. "Je besser die deutsche Mannschaft abschneidet, desto besser wird die Stimmung bei den Menschen."

Die Journalisten blicken irritiert auf den neuen Bundeswirtschaftsminister. Wenige Wochen ist er gerade im Amt. Dennoch, sie hatten mehr von ihm erwartet. Bei zahllosen Nachfragen zu wichtigen Themen wie Unternehmensteuerreform, Planungsbeschleunigungsgesetz, Entbürokratisierung, Stärkung der Binnennachfrage und Existenzgründungsförderung bleibt Glos schmallippig. Wenn's droht brenzlig zu werden, weicht er aus, wendet seinen Blick fragend in Richtung eines Ministerialbeamten, der neben ihm sitzt.

Gut drei Jahre liegt dieser Auftritt zurück. Und was Glos bereits damals versäumte, das holt er auch später nicht nach: Er bleibt blass. Die wirtschaftspolitische Handschrift des Mannes, der für CSU-Chef Edmund Stoiber im ungeliebten Amt des Bundeswirtschaftsministers eingesprungen ist, die sucht man vergebens.

Wo sitzt der Mann, der in wichtigen wirtschaftspolitischen Fragen innerhalb der Bundesregierung das Heft in der Hand hält? Jedenfalls nicht im Bundeswirtschaftsministerium. Dort fühlt er sich zunächst nur als Gast. "Wenn jemand ,Herr Minister' ruft, fühle ich mich gar nicht angesprochen", räumt Glos am Anfang seiner Amtszeit ein.

Der joviale Franke hat nie gelernt, ein großes Ministerium mit fast 1600 Beamten und zahlreichen nachgeordneten Behörden zu führen. Das ist sein Problem - bis zum letzten Amtstag am gestrigen Montag. In seiner politischen Glanzzeit, als CSU-Landesgruppenchef, suchte Glos gerne die direkte verbale Auseinandersetzung - im Bundestag, im Fernsehen, im Bierzelt. Er war aggressiv, er war witzig, er war gefürchtet, schlitzohrig und erfolgreich.

Aber als Minister hat er es vor allem mit Managern und Lobbyisten, mit Staatssekretären, Abteilungsleitern, Unterabteilungsleitern und Referatsleitern zu tun. Er soll Vermerke lesen und den Rat von Experten beherzigen. Was für eine Herausforderung! Das ist nicht seine Welt. Glos kämpft mit seiner neuen Aufgabe, er wächst nicht mit ihr. Opfer ist das Ressort - das Ministerium wird nicht mehr ernst genommen.

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