Wirtschaftspolitiker verstehen sich prima
Gut gelaunt im Hinterzimmer

Es ist Mittwochabend, als es in einem Separee unweit des Reichstags zu einer Koalition von Wirtschaftsfreundlichen kommt – ohne Merkel, ohne Schröder freilich, und auch ohne Westerwelle. Eine Runde geistig Gleichgesinnter versammelt sich. Problemlos könnten sie gemeinsam Politik machen – wären da nicht ihre Parteien.

BERLIN. Michael Glos (CSU), kürzlich noch Bundeswirtschaftsminister, genießt den Wein, Jörg Asmussen, Staatssekretär von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD), grüßt, Michael Fuchs, CDU-Kämpfer für die Ordnung in der Wirtschaft, klagt über die Lage, während sich Christine Scheel, Finanzexpertin der Grünen, dazu gesellt. Drumherum stehen Wirtschaftspolitiker der SPD, von Ludwig Stiegler bis hin zu Klaas Hübner. Hauptredner der kleinen Runde: Franz Müntefering, Vorsitzender der SPD.

„Wer einen starken Sozialstaat will, der muss das Geld dafür vorher erwirtschaften“, sagt Müntefering. Dies zu gewährleisten sei oft schwierig in der SPD. Wohl war. Deshalb stehen sie gewissermaßen hier, denn einer von ihnen hat den Kampf aufgegeben: Rainer Wend. Vor wenigen Tagen noch saß er für die SPD im Bundestag, hatte viele Jahre für die Fraktion zur Wirtschaftspolitik gesprochen und besitzt seit 40 Jahren das Parteibuch. Jetzt wechselt er zur Deutschen Post. Zeit, Abschied zu nehmen. Nicht nur Wend, selbst Unionisten und Grünen fällt es inzwischen schwer, ihre Wirtschaftspolitik in den eigenen Reihen durchzusetzen. Bei Bier und Wein, Currywurst und Pommes reden sie darüber – und über die Bundestagswahl.

Wend erzählt, er habe gern mit Glos zusammengearbeitet. Die SPD hat Glos zuletzt allzu gern verspottet. Wend sagt: „Wir waren meist einer Meinung, auch wenn ich das nicht laut sagen durfte.“ Müntefering und Glos lachen. So schlecht war die Große Koalition vielleicht doch nicht.

Nun aber ist es an Müntefering. Er bemüht gern die Geschichte, um in die Zukunft zu weisen. Wend sei 1970 in die Partei eingetreten, mit 16 Jahren. Das sei die Zeit gewesen, als die Große Koalition endete und die sozial-liberale Koalition folgte. „Damals wurde der Außenminister der Großen Koalition Bundeskanzler“, sagt Müntefering in Anspielung auf den Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier, der gewissermaßen Willy Brandt nacheifert. Zwar heiße es, Geschichte wiederhole sich nicht. „Aber ich wollte es doch erwähnen“, sagt Müntefering. Die Runde lacht.

Wer am Ende mit wem koaliert? Wend sei ein Roter, sagt Müntefering. Jetzt wechsle er zu den Gelben. Seine Krawatte sei grün. Für Müntefering ein Signal: „Grünes Licht für die Ampel.“ Komisch nur, dass an diesem Abend niemand von der FDP dabei ist. In dieser Runde wäre nur die Große Koalition, Teil zwei, mehrheitsfähig.

Dr. Daniel Delhaes
Daniel Delhaes
Handelsblatt / Korrespondent
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