0 Bewertungen
15.05.2008 
Verfassungsschutz: „Die Bedrohung steigt“

Wirtschaftsspione werden frecher

von Sven Prange

Der Verfassungsschutz will stärker gegen Wirtschaftsspionage kämpfen. Denn deutsche Unternehmen werden nach Erkenntnissen der Kölner Behörde immer öfter Opfer von ausländischen Spionen. Das geht aus dem neuen Verfassungsschutzbericht hervor, den Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Donnerstag in Berlin vorstellten.

Das Interesse anderer Staaten an Informationen über die deutsche Wirtschaft nimmt stark zu, sagt der Verfassungsschutz.Lupe

Das Interesse anderer Staaten an Informationen über die deutsche Wirtschaft nimmt stark zu, sagt der Verfassungsschutz.

BERLIN. "Das Interesse anderer Staaten an Informationen über die deutsche Wirtschaft nimmt stark zu“, sagte Fromm. Schon jetzt beträgt der Schaden deutscher Unternehmen durch Wirtschaftsspionage nach einer Studie der Uni Lüneburg 50 Mrd. Euro jährlich. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen, weil kaum ein Unternehmen offen über entdeckte Ausspähversuche informiert, um Imageverluste zu vermeiden.

Nachdem ausländische Schlapphüte mit ausgeprägter Wirtschaftsaffinität lange Zeit vor allem ein Problem für Großkonzerne waren, geraten jetzt auch Mittelständler und Startups ins Visier. Vom Entwicklungs- bis zum Industrieland interessieren sich viele Konkurrenten Deutschlands auf dem Weltmarkt für Know-how made in Germany. „Technologisch weniger entwickelte Staaten spähen technisches Know-how aus, um Kosten für die eigene Forschung und Entwicklung sowie mögliche Lizenzgebühren zu vermeiden“, beobachten die Verfassungsschützer. „Hoch entwickelte Staaten interessieren sich dagegen für Produktideen, komplexe Fertigungstechniken und Unternehmens- und Marktstrategien.“

Russische und chinesische Geheimdienste nennt der Verfassungsschutz ausdrücklich als Wirtschaftsspione, weil die Bemühungen dieser beiden Länder offensichtlich sind. In Russland ist es schon länger offizieller Auftrag der Geheimen, im Ausland technologisches und wirtschaftlich relevantes Wissen abzugreifen.

Besonders ausgeprägt ist nach Erkenntnissen der Behörden das ausländische Interesse an Unternehmen aus den Branchen Automobilbau, erneuerbare Energien, Chemie, Kommunikationstechnologie, Optoelektronik, Rüstungstechnologie, CNC-Technologie, sowie Material- und Verbundwerkstoffeforschung – alles Bereiche, die viel Zukunftspotenzial für die deutsche Wirtschaft haben.

Die meisten Unternehmen trifft die Spionage-Attacke unvorbereitet. Deswegen will der Verfassungsschutz seine Aufklärungsarbeit ausbauen. Erst am Donnerstag ist ein neues Informationsportal des Verfassungsschutzes für Unternehmen online gegangen. Fromm ermunterte Betroffene, offen mit dem Schaden umzugehen: „Wir haben die Kompetenzen, in solchen Fällen zu helfen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nur mäßiges Interesse bei den Firmen

Dafür freilich werben Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt Landesbehörden schon länger. In vielen Unternehmen wecken sie damit aber nur mäßiges Interesse.

In einer Umfrage Ende vergangenen Jahres gaben vier Prozent der betroffenen Firmen an, einen entdeckten Spionageversuch angezeigt zu haben. Die Angst, sich vor der Konkurrenz zu entblößen, übersteigt offenbar die Angst vor weiteren Schäden. Um dennoch wirksamen Schutz anzubieten, setzt der Verfassungsschutz jetzt auf eine Art Hilfe zur Selbsthilfe: Gespräche und Schulungen mit den Experten der Kölner Behörde sollen Unternehmen befähigen, sich selbst zu schützen.

Insbesondere im Bereich der Kommunikationsmittel besteht Nachholbedarf. Viele Unternehmensnetzwerke sind kaum gegen Attacken aus dem Internet geschützt. Genau darauf setzen ausländische Nachrichtendienste. „Die aktuell gefährlichste Bedrohung stellen internetgebundene Angriffe auf Netzwerke und Computersysteme deutscher Wirtschaftsunternehmen dar“, heißt es beim Verfassungsschutz. Über 750 000 deutsche Firmenrechner sollen mit Ausspähprogrammen, so genannten Trojanern, infiziert sein.

Aber auch die klassische Variante über menschliche Informanten ist weiter eine Bedrohung. Dabei fallen vor allem chinesische Geheimdienste auf. „China kann sich in Deutschland auf die so genannten Non-Professionals stützen, die Zugang zu deutschem Know-How haben und über Fleiß, Bildungshunger, Karrieredenken und ein hohes Maß an Patriotismus verfügen“, warnen die Verfassungsschützer. Damit sind vor allem chinesische Studenten, Gastwissenschaftler oder Praktikanten gemeint, die sich Zutritt zu den Interna deutscher Unternehmen verschaffen und diese an chinesische Nachrichtendienste weitergeben.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
  • Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Obamas Kabinett nimmt Gestalt an

    Die Milliardärin Penny Pritzker aus Chicago soll nach US-Medienberichten Wirtschaftsministerin in der Regierung des designierten Präsidenten Barack Obama werden. Mit dieser Personalie nimmt die Regierungsmannschaft zwei Wochen nach der US-Wahl allmählich Gestalt an.Bildergalerie 

  • Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlos...

    Was auf dem Weltfinanzgipfel beschlossen wurde

    Auf dem Weltfinanzgipfel in Washington wollten die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) einen Fahrplan für eine neue Weltfinanzordnung vereinbaren, die eine Finanzkrise, die die ganze Welt in die Rezession treibt, in Zukunft verhindern soll. Was beschlossen...Bildergalerie 

  • Was führende Köpfe vom Finanzgipfel e...

    Was führende Köpfe vom Finanzgipfel erwarten

    Nichts Geringeres als eine neue Weltfinanzordnung wollen die 20 Staats- und Regierungschefs der größten Wirtschaftsmächte am Wochenende in Washington aus der Taufe heben. Was Politiker, Konzernchefs, Ökonomen und andere führende Köpfe aus der Finanzwelt vom Weltfinanzg...Bildergalerie 

vor

 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Kein Ausweg aus der Finanzkrise in Sicht  Artikel in Merkliste

21.11.2008 von Hermann-Josef Knipper

Der letzte Tag der „Euro Finance Week“ in Frankfurt hat das ganze Drama der Macht- und Ratlosigkeit der Finanzbranche deutlich gemacht. Nach der harschen Kritik von Bundespräsident Horst Köhler, der nicht weniger als ein neues Weltfinanzsystem gefordert und viele Schuldige benannt hatte, mühten sich Banker, Ökonomen und Notenbanker um Auswege aus der Krise. Kommentar

Handelsblatt-Kommentar

Deutschland, ein Bauernstaat  Artikel in Merkliste

20.11.2008 von Helmut Hauschild

Der Berg kreiste und gebahr eine Maus. Zwei Jahre lang hat die EU über eine Reform verhandelt, die ihre teure Agrarpolitik zukunftsfit machen sollte. Das Ergebnis enttäuscht. Kommentar