Der Verfassungsschutz will stärker gegen Wirtschaftsspionage kämpfen. Denn deutsche Unternehmen werden nach Erkenntnissen der Kölner Behörde immer öfter Opfer von ausländischen Spionen. Das geht aus dem neuen Verfassungsschutzbericht hervor, den Verfassungsschutzpräsident Heinz Fromm und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Donnerstag in Berlin vorstellten.
Das Interesse anderer Staaten an Informationen über die deutsche Wirtschaft nimmt stark zu, sagt der Verfassungsschutz.
BERLIN. "Das Interesse anderer Staaten an Informationen über die deutsche Wirtschaft nimmt stark zu“, sagte Fromm. Schon jetzt beträgt der Schaden deutscher Unternehmen durch Wirtschaftsspionage nach einer Studie der Uni Lüneburg 50 Mrd. Euro jährlich. Genaue Zahlen sind nicht zu bekommen, weil kaum ein Unternehmen offen über entdeckte Ausspähversuche informiert, um Imageverluste zu vermeiden.
Nachdem ausländische Schlapphüte mit ausgeprägter Wirtschaftsaffinität lange Zeit vor allem ein Problem für Großkonzerne waren, geraten jetzt auch Mittelständler und Startups ins Visier. Vom Entwicklungs- bis zum Industrieland interessieren sich viele Konkurrenten Deutschlands auf dem Weltmarkt für Know-how made in Germany. „Technologisch weniger entwickelte Staaten spähen technisches Know-how aus, um Kosten für die eigene Forschung und Entwicklung sowie mögliche Lizenzgebühren zu vermeiden“, beobachten die Verfassungsschützer. „Hoch entwickelte Staaten interessieren sich dagegen für Produktideen, komplexe Fertigungstechniken und Unternehmens- und Marktstrategien.“
Russische und chinesische Geheimdienste nennt der Verfassungsschutz ausdrücklich als Wirtschaftsspione, weil die Bemühungen dieser beiden Länder offensichtlich sind. In Russland ist es schon länger offizieller Auftrag der Geheimen, im Ausland technologisches und wirtschaftlich relevantes Wissen abzugreifen.
Besonders ausgeprägt ist nach Erkenntnissen der Behörden das ausländische Interesse an Unternehmen aus den Branchen Automobilbau, erneuerbare Energien, Chemie, Kommunikationstechnologie, Optoelektronik, Rüstungstechnologie, CNC-Technologie, sowie Material- und Verbundwerkstoffeforschung – alles Bereiche, die viel Zukunftspotenzial für die deutsche Wirtschaft haben.
Die meisten Unternehmen trifft die Spionage-Attacke unvorbereitet. Deswegen will der Verfassungsschutz seine Aufklärungsarbeit ausbauen. Erst am Donnerstag ist ein neues Informationsportal des Verfassungsschutzes für Unternehmen online gegangen. Fromm ermunterte Betroffene, offen mit dem Schaden umzugehen: „Wir haben die Kompetenzen, in solchen Fällen zu helfen.“
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Dafür freilich werben Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt Landesbehörden schon länger. In vielen Unternehmen wecken sie damit aber nur mäßiges Interesse.
In einer Umfrage Ende vergangenen Jahres gaben vier Prozent der betroffenen Firmen an, einen entdeckten Spionageversuch angezeigt zu haben. Die Angst, sich vor der Konkurrenz zu entblößen, übersteigt offenbar die Angst vor weiteren Schäden. Um dennoch wirksamen Schutz anzubieten, setzt der Verfassungsschutz jetzt auf eine Art Hilfe zur Selbsthilfe: Gespräche und Schulungen mit den Experten der Kölner Behörde sollen Unternehmen befähigen, sich selbst zu schützen.
Insbesondere im Bereich der Kommunikationsmittel besteht Nachholbedarf. Viele Unternehmensnetzwerke sind kaum gegen Attacken aus dem Internet geschützt. Genau darauf setzen ausländische Nachrichtendienste. „Die aktuell gefährlichste Bedrohung stellen internetgebundene Angriffe auf Netzwerke und Computersysteme deutscher Wirtschaftsunternehmen dar“, heißt es beim Verfassungsschutz. Über 750 000 deutsche Firmenrechner sollen mit Ausspähprogrammen, so genannten Trojanern, infiziert sein.
Aber auch die klassische Variante über menschliche Informanten ist weiter eine Bedrohung. Dabei fallen vor allem chinesische Geheimdienste auf. „China kann sich in Deutschland auf die so genannten Non-Professionals stützen, die Zugang zu deutschem Know-How haben und über Fleiß, Bildungshunger, Karrieredenken und ein hohes Maß an Patriotismus verfügen“, warnen die Verfassungsschützer. Damit sind vor allem chinesische Studenten, Gastwissenschaftler oder Praktikanten gemeint, die sich Zutritt zu den Interna deutscher Unternehmen verschaffen und diese an chinesische Nachrichtendienste weitergeben.


