Wirtschaftswachstum
Brüderle und der XL-Aufschwung

Erstmals seit Jahren ist in Deutschland das Inlandswachstum stärker als das Exportwachstum. Wirtschaftsminister Brüderle lobt die positive Entwicklung der deutschen Wirtschaft - und erwartet im kommenden Jahr steigende Löhne.
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FRANKFURT/DÜSSELDORF/BERLIN. Bestens gelaunt hat Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gestern die neue Wachstumsprognose präsentiert. „Die Nachrichten vom Arbeitsmarkt sind ein Grund zum Feiern“, sagte er. Deutschland erlebe nach der tiefsten Rezession der Nachkriegsgeschichte in diesem Jahr „einen XL-Aufschwung wie aus dem Lehrbuch“. Und erstmals seit Jahren wachse die inländische Wirtschaft stärker als die Exporte.

Nach der neuen offiziellen Regierungsprognose wächst die Wirtschaft in diesem Jahr um 3,4 Prozent, im nächsten um 1,8 Prozent. Das sind für dieses Jahr zwei Prozentpunkte mehr als die Bundesregierung noch im Frühjahr erwartet hatte. Die große Wende zum selbsttragenden Aufschwung brachte das zweite Quartal: Da sei die Binnenwirtschaft um 1,3 Prozent, die Exporte um 0,8 Prozent gewachsen. „Die Binnenkonjunktur ist jetzt die entscheidende Kraft“, sagte Brüderle.

Die eigentliche Ursache, meint der Liberale, sei die umfassende Restrukturierung, die im letzten Jahrzehnt in den deutschen Betrieben stattgefunden hat. Die Konjunkturpakete hätten zusätzlich geholfen, während der Krise die Kapazitäten zu halten und Arbeitsplätze zu sichern. „Deshalb konnte die Produktion jetzt schnell wieder hochgefahren werden“, so Brüderle. Er ist überzeugt, dass die gute Binnenkonjunktur anhalten werde – weil die Lage am Arbeitsmarkt so gut sei wie seit zwei Jahrzehnten nicht mehr. Bereits in diesem Herbst werde die Zahl der Arbeitslosen unter drei Millionen sinken. In diesem Jahr würden 110 000 Menschen zusätzlich Erwerbstätige, im nächsten Jahr weitere 140 000.

Wegen der Steuererleichterungen der alten und der neuen Regierung seien die Nettolöhne in diesem Jahr mit 3,9 Prozent stärker gestiegen als die Bruttolöhne mit 1,2 Prozent. 2011 dürften sich die Arbeitnehmer auf deutliche Lohnerhöhungen freuen, sagte Brüderle voraus. „Leistung muss sich in guten Zeiten auch für Arbeitnehmer lohnen.“

Ökonomen stützen Brüderles These. „Die deutsche Wirtschaft steht wieder auf zwei Beinen“, sagt der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater. Vor allem zwei Fakten sprächen dafür, dass die Binnenwirtschaft im kommenden Jahr einen starken Wachstumsbeitrag leisten wird: Zum einen sei mit einer Nominallohnsteigerung von knapp drei Prozent zu rechnen. Zum anderen sei weiter von „zu niedrigen Zinsen für Deutschland“ auszugehen. „Beides kurbelt den privaten Konsum an“, schlussfolgert Kater. Durch die niedrigen Zinsen nähmen nicht nur die Vermögenspreise und damit die Konsumbereitschaft zu; sie erhöhten außerdem die Investitionsanreize.

„Die Binnennachfrage trägt schon jetzt sehr stark zum deutschen Wachstum bei, vor allem über die Investitionen“, sagt der Volkswirt von HSBC Trinkaus, Lothar Heßler. Alle drei Töpfe stünden „unter Dampf“ – Exporte, Investitionen und der private Konsum. Der Aufschwung habe schneller als in früheren Konjunkturzyklen auf die Investitionen übergegriffen, nun springe auch der Konsum früher an als gedacht. Seit dem Rezessionsende sei das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland um 3,7 Prozent gewachsen, nur 1,2 Punkte seien auf die Außenwirtschaft zurückzuführen.

Wie bedeutend der Beitrag der Binnenwirtschaft bereits 2010 ist, unterstreicht Volkswirt Kater: Er rechnet mit einem Wachstumsbeitrag von 2,2 Punkten – etwa zwei Drittel des Wachstums. 2011 dürfte der Beitrag nach seiner Einschätzung noch höher ausfallen: 1,5 Prozentpunkte. Das wären bei einem BIP-Zuwachs von zwei Prozent 75 Prozent des gesamten Wachstums.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin

Kommentare zu " Wirtschaftswachstum: Brüderle und der XL-Aufschwung"

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  • wenn ich 5 % mehr lohn auf meinem Lohnzettel habe im Jahr 2011 werde ich mich beim Rainer persönlich dafür bedanken. Aber soweit wirds wohl nicht kommen

  • der brüderle muss sich schon so vorkommen wie ludwig erhard. wenn er sich dabei nicht mal übernimmt. Nun ist er ja kurzzei´tig so eine art superminister. da bekommt man halt schon mal zwischendurch eine anschwellende brust oder?

  • "Restrukturierung" aha - m.a.Worten Reduzierung der Arbeitnehmen und Automaten-Produktion.
    Die Zahl der Arbeitslosen erstmals unter 3 Mio - klar, weil immer mehr auswandern, im letzten Jahr waren es m.Wissens nach ca. 170'000 Menschen die Deutschland den Ruecken gekehrt haben.
    Und wer schlau ist, folgt ihnen schleunigst !

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