Wirtschaftsweiser Franz
„Es besteht die Gefahr einer neuen Blase“

Der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Wolfgang Franz, macht die Bundesregierung für die unzureichende Kreditversorgung der Unternehmen mitverantwortlich. Vor allem beim Kreditprogramm, das über die staatliche KfW Bankengruppe abgewickelt werde, klagten die Unternehmen über bürokratische Hürden.
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Handelsblatt: Herr Franz, Sie nehmen morgen am Wirtschaftsgipfel der Bundeskanzlerin teil. Was ist Ihre zentrale Botschaft?

Wolfgang Franz: Deutschland befindet sich nach wie vor in einem tiefen Rezessionstal, auch wenn einige wirtschaftliche Indikatoren bereits eine Erholung andeuten. Aber das ist noch lange kein Aufschwung – und deshalb gibt es auch noch keinen Grund zur Entwarnung. Der Sachverständigenrat rechnet im nächsten Jahr mit einem Wachstum von 1,6 Prozent. Wenn man die statistischen Effekte ausklammert, wächst das Bruttoinlandsprodukt sogar nur um ein Prozent. Das ist viel zu wenig.

HB: An den Börsen herrscht schon wieder Goldgräberstimmung. Die Aktienkurse steigen seit Monaten, und die Banken präsentieren wieder Milliardengewinne. An den Finanzmärkten scheint die Krise überwunden.

Franz: Ich habe nicht den Eindruck, dass wir die Finanzmarktkrise überstanden haben. Vielleicht haben wir das Schlimmste hinter uns. Das Schuldenmoratorium des Emirats Dubai und die anhaltenden Bankenpleiten in den Vereinigten Staaten sollten allen ein warnendes Signal sein. Es ist weiter möglich, dass wir spürbare Rückschläge im Finanzsektor erleben. Die Staats- und Regierungschefs der G20 sind deshalb gut beraten, die Reform der globalen Finanzarchitektur voranzubringen.

HB: Bundeskanzlerin Merkel will das Thema Kreditversorgung in den Mittelpunkt des Wirtschaftsgipfels stellen. Wie groß ist die Gefahr, dass Banken den zaghaften Wirtschaftsaufschwung nicht ausreichend mit Krediten finanzieren?

Franz: Aktuell beobachten wir keine flächendeckende Kreditklemme. Gleichwohl haben Unternehmen zunehmend Probleme, zu preiswerten Konditionen Kredite zu bekommen. Das gilt vor allem für größere Investitionsvorhaben, aber auch für viele Mittelstandskredite in angeschlagenen Branchen wie der Automobilindustrie oder dem Maschinenbau.

HB: In der Bundesregierung werden verschiedene Instrumente zur Abwehr einer Kreditklemme geprüft. Worauf sollte sich der Bund konzentrieren?

Franz: Die Bundesregierung ist gut beraten, die verschiedenen Programme des Deutschland-Fonds, die bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, zu überarbeiten. Vor allem beim Kreditprogramm, das über die staatliche KfW-Bankengruppe abgewickelt wird, klagen die Unternehmen über bürokratische Hürden, die schnellstens abgebaut werden müssen. Die Vergabe von staatlichen Krediten darf nicht an solchen Funktionsmängeln scheitern. Allerdings darf man die KfW mit der Prüfung von mehreren Tausend Kreditanträgen auch nicht überfordern. Vor diesem Hintergrund halte ich die Vergabe von Globaldarlehen, bei denen die Banken selbst entscheiden, an welches Unternehmen sie einen staatlichen Kredit mit günstigen Zinskonditionen weiterreichen, für ausgesprochen sinnvoll. Hier kann die Bundesregierung bei Bedarf noch mehr tun.

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