Wissenschaftsrat
Nachhilfe für Professoren

Exzellenz alleine reicht nicht, um die Hochschulen in Deutschland zu verbessern, sagt der deutsche Wissenschaftsrat. Er fordert weitere Milliardeninvestitionen in die Bildung und besonders die Verbesserung der Lehre. Vor allem die Professoren müssten lernen ihr Wissen professionell weiterzugeben.

BERLIN. Um die vernachlässigte Lehre an den deutschen Hochschulen auf Vordermann zu bringen, sind jährlich zusätzlich 1,1 Mrd. Euro nötig. Das schreibt der Wissenschaftsrat in seiner mit Spannung erwarteten Empfehlung zur Verbesserung der Lehre, die am heutigen Montag vorgestellt wird. Daneben sei es dringend nötig, dass die Professoren endlich lernten, wie sie ihr Wissen professionell weitergeben, fordert das wichtigste Beratungsgremium von Bund und Ländern für die Wissenschaft.  

Soweit die Forderung der Experten aus der Wissenschaft. Bund und Länder – die in der Verwaltungskommission des Rates sitzen – haben jedoch bereits klar gemacht, dass Mehrausgaben in dieser Größenordnung „nur unter günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und bei entsprechender politischer Prioritätensetzung aufzubringen seien“, erklärte der Sprecher der Unionsländer, Sachsen-Anhalts Wissenschaftsminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) nach der Verabschiedung des Papiers.

Zuletzt gaben die Länder jährlich knapp 17 Mrd. Euro Grundmittel für die Hochschulen aus. Vor allem wegen unzureichender Betreuung gibt jedoch Jahr für Jahr noch immer ein Fünftel der Studenten vorzeitig auf. Allein das kostet den Staat jährlich 2,2 Mrd. Euro, sagte Olbertz, so dass eine zusätzliche Milliarde „vernünftig eingesetzte wäre“, wenn sie dazu führe, die Abbrecherzahlen deutlich zu senken.

Die Forschung der Hochschulen hat bereits durch die Exzellenzinitiative profitiert, die über fünf Jahre 1,9 Mrd. zusätzlich in die besten Unis pumpt. Die Lehre hingegen gilt seit vielen Jahren als Sorgenkind. Daher hatten sowohl Wissenschaftsrat als auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft zuletzt 2007 gefordert, die Grundmittel um 20 bis 30 Prozent aufzustocken. Allein die Umstellung auf das zweistufige Bachelor/Master-System, das wesentlich verschulter ist, koste ein Fünftel mehr.

Scharfe Kritik übt der Wissenschaftsrat aber auch an der Lehrqualität in den deutschen Hochschulen. Die Professoren seien bei der Organisation ihrer Seminare wie auch bei der Art ihrer Vorlesungen „weitgehend Autodidakten“. Sie bedürften einer „professionell durchgeführten Aus- und Weiterbildung“.

Mit knapp 360 Millionen Euro pro Jahr sollen nach Auffassung des Wissenschaftsrates zusätzliche Professoren-Stellen finanziert werden, um die Betreuungsrelationen von Studierenden zu Professoren zu verbessern.

Weitere 480 Millionen Euro hält der Wissenschaftsrat für Tutorien, Beratung, zusätzliche Betreuung und Fortbildung der Professoren für nötig. Hinzu kommen weitere Sachmittel. Auch schlägt der Wissenschaftsrat den Aufbau eines Fachzentrums für die Hochschullehre vor.

Mehr Professorenstellen sind nach Überzeugung des Wissenschaftsrat besonders in den Sprach- und Kulturwissenschaften sowie in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften nötig. Die Experten bekräftigen zugleich ihre frühere Forderung nach Einstellung von Lehr-Professoren, die sich zwölf Stunden pro Woche der Lehre widmen – statt der üblichen acht oder neun Stunden. Diese Lehr-Professoren sollten aber nicht von der Forschung ausgegrenzt werden.

Heute wird der Lehre an den Unis viel zu wenig Beachtung geschenkt: „Selbst eine offensichtliche Vernachlässigung der Lehre und der Studentenbetreuung wird allenfalls in Ausnahmefällen sanktioniert“, schreibt der Wissenschaftsrat. „Erfolgreiche Forschung verhilft zu neuen Geldern, Mitarbeitern und besserer Ausstattung. Größeres Engagement in der Lehre hingegen führt häufig zu höherer Arbeitslast durch mehr Studierende und mehr Prüfungen.“

Heute kommen auf einen Uni-Professor fast 70 Studenten. Die Hochschulrektoren hatten gefordert, dieses Verhältnis in fünf Jahren zu halbieren. Das würde jedoch bis zu sechs Mrd. Euro jährlich kosten, bei Lehr-Professoren käme es billiger.

Einen Wettbewerb für eine bessere Lehre hatte bereits der damalige Präsident der Kultusministerkonferenz, Jürgen Zöllner (SPD) angeregt. Der Stifterverband der Wirtschaft für die Wissenschaft hat fünf Mill. Euro für eine „Exzellenzinitiative für die Lehre“ angeboten, um gute Lehrleistung zu prämieren. Allerdings nur, wenn die Länder die gleiche Summe dazu beisteuern.

Diskutiert wird auch die Idee, bei der zweiten Runde der Exzellenzinitiative für die Forschung ab 2012 , die derzeit verhandelt wird, die Lehre zu integrieren. Das jedoch lehnt der Wissenschaftsrat ab. Anders als bei der Forschung sei es extrem schwierig, gute Lehre zu messen.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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