Wissenslücken
Deutsche Berufsschulen sollen Nachhilfe erteilen

Die neueste OECD-Bildungsstudie sieht die Verantwortung für Wissenslücken der Lehrlinge nicht nur bei den allgemein bildenden Schulen. So sollen Berufsschulen die Grundkenntnisse der Auszubildenden aufpolieren. Die Arbeitgeber protestieren.
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BERLIN. Geht es nach der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), sollen Berufsschulen bald auch allgemeine Wissenslücken der Lehrlinge stopfen. Denn sie böten vielen "die letzte Chance, aufzuholen", mahnte OECD-Expertin Kathrin Hoeckel gestern bei der Vorstellung des jüngsten Bildungsstudie der Organisation. "Die Berufsbildung kann es sich nicht leisten, die Verantwortung der Schule zu überlassen". Das Potential ist enorm - gilt doch nach Pisa jeder Fünfte als nicht oder kaum ausbildungsfähig.

Doch die Arbeitgeber meinen: Nachhilfe in Rechnen, Schreiben, Lesen ist in der Berufsschule nicht drin. Es sei Aufgabe der allgemein bildenden Schule, Schüler zur Ausbildungsreife zu führen - "das kann nicht auf Kosten der fachpraktischen Ausbildung im Betrieb nachgeholt werden", sagte Arbeitgebervizepräsident Gerhard Braun dem Handelsblatt.

Erstmals hat die OECD zusätzlich zum jährlichen Bildungsbericht eine Studie zur Berufsbildung vorgelegt. Insgesamt kommt die deutsche duale Ausbildung dabei sehr gut weg - sie sei aber verbesserungsfähig. Neben der "Vernachlässigung der Grundkenntnisse in der Berufsausbildung" empfiehlt die OECD dringend eine bessere Kooperation der Akteure und mehr Prävention.

Vorbildlich sei etwa das "Fallmanagement" der Schweiz, deren duale Ausbildung auch nach anderen Studien als noch erfolgreicher gilt als die deutsche. In der Bundesrepublik lande nach wie vor ein Drittel der Berufsanfänger in einer Warteschleife, sagte Hoeckel.

Generell mahnt die OECD Deutschland, sich bei der Akademiker-Ausbildung nicht mit dem Erreichten zufrieden zu geben. Angesichts der Demografie reiche die politische Zielmarke von 40 Prozent Studienanfängern vor allem für Technik und Naturwissenschaften "nicht aus, um den Bedarf zu decken und Einbrüche bei Innovation und Wachstum zu vermeiden", warnte der deutsche OECD-Vertreter Heino von Meyer.

"40 Prozent Studienanfänger sind nicht genug für Deutschland"

Erfreulich sei, dass die Studienanfängerquote in den letzten Jahren massiv auf zuletzt 43 Prozent gestiegen ist. Die Dynamik sei jedoch in fast allen OECD-Ländern weit größer, so Meyer. Selbst Japan - neben Deutschland die einzige Nation mit sinkender Erwerbsbevölkerung - habe die Zahl der Hochqualifizierten in zehn Jahren dreimal so stark gesteigert wie die Bundesrepublik. Als Beleg für die Knappheit verweist die OECD auf den im internationalen Vergleich sehr hohen Einkommensvorsprung deutscher Akademiker gegenüber Leuten mit Berufsausbildung.

Deutschland müsse mehr Abiturienten aus bildungsfernen oder armen Elternhäusern und Berufspraktiker zum Studium ermuntern.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
Handelsblatt / Korrespondentin

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