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20.09.2007 

„1980 hat die SPD den Fehler gemacht, die Grünen zu unterschätzen. Das darf ihr mit der Linkspartei nicht noch einmal passieren“, sagt Schreiner. Deshalb hält er „Die Linke“ auch für koalitionsfähig. Gleichwohl will er ihr aber nicht die Hoheit auf dem Feld der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik überlassen. So klingt seine Rhetorik bisweilen nach Klassenkampf, etwa wenn er fordert, das Kapital benötige eine demokratische Gegenmacht, weil „der Kapitalismus aus sich selbst heraus Ungleichheit produziert“.

Als Mahner rührt Schreiner immer wieder ans sozialdemokratische Gewissen. Sagen die einen. Weniger Wohlmeinende nehmen ihm übel, dass er „bei jedem Pippifax“ das Gewissen entdecke. So hat Schreiner, anders als die Mehrheit seiner Fraktion im Bundestag, sowohl gegen die Gesundheitsreform gestimmt wie auch gegen die Mehrwertsteuererhöhung und die von SPD-Vizekanzler Franz Müntefering initiierte Rente mit 67. Die Unternehmensteuerreform hält er für „überflüssig“, mehr Mitbestimmung angesichts der „Anonymisierung und Internationalisierung von Firmenentscheidungen“ aber für geboten. Einem Antrag der Linksfraktion im Bundestag zur Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns stimmte Schreiner zu – der hatte fast denselben Wortlaut wie eine SPD-Unterschriftenaktion kurz zuvor.

Auch im linken Flügel der Partei erntete er dafür Kritik: „Was hat das denn gebracht? Nichts.“ Außer dass „Die Linke“ Gelegenheit bekam, die SPD vorzuführen. Schon erhielt das immer mal wieder aufkeimende Gerücht neue Nahrung, Schreiner sei ohnehin besser bei der Linkspartei aufgehoben und auf dem Sprung. Wer es streut? Vielleicht jene in der SPD, die in Schreiner den ewigen Spielverderber sehen.

Doch den Gefallen tut ihnen der 61-jährige Sozialexperte, der seit fast 40 Jahren in der SPD ist und seit 27 Jahren im Bundestag sitzt, nicht. Fahnenflucht? Für den Zeitsoldaten im Fallschirmspringerbataillon, der soeben als Offizier der Reserve verabschiedet wurde, käme das einem Verrat gleich. Es entspräche wohl auch nicht seinem Leitmotiv: Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren: „Seien Sie sicher, ich bin ein Kampfschwein.“

Den Menschen an der Basis imponiert das. „Danke, Ottmar.“ Ein Bochumer mittleren Alters klopft dem Gesandten aus Berlin auf die Schulter. „Ich mein' dat, wie ich sach’. Mach' weiter so, Ottmar.“ Schreiner nickt, hält sich an seiner Zigarette fest, nippt an einem Glas Rotwein. Das Neonlicht tut sein Übriges. Die Ringe unter den Augen verraten die Mühsal eines in die Jahre gekommenen Gerechtigkeitskämpfers. Doch der Zuspruch in der Höntroper Realschule tut gut. Auch der Masseur sozialdemokratischer Herzen benötigt Salbe für die Seele.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Reformen im Brandt'schen Sinne.

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