0 Bewertungen
20.09.2007 

Wo sonst soll die Energie herkommen, sich ständig mit den Parteioberen anzulegen? Oder ist Enttäuschung die treibende Kraft, Frust über eine Partei, die ihn zwar in hohe Ämter spülte – von 1990 bis 1997 war er sozialpolitischer Sprecher und kurzzeitig stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, Ende der 90er-Jahre unter SPD-Chef Lafontaine Bundesgeschäftsführer –, ihm nie aber höchste Weihen verlieh?

„Ein kraftvolles Pferd, das nicht von der Leine darf, verschafft sich irgendwann eruptiv Erleichterung“, sagt ein Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion. Schreiner selbst kann mit derlei Psychologisierung nichts anfangen. Was ihn bei seiner Philippika wider das Führungspersonal der SPD reitet, ist handfeste Überzeugung: „Der Normalitätsbegriff in der Gesellschaft hat sich verschoben, das kann die SPD nicht ohne Widerspruch hinnehmen.“

Wenn Schreiner von Reformen spricht, meint er Reformen im Brandt’schen Sinn, die für die Arbeitnehmer immer auch Verbesserungen sein müssen. Mit dieser Tradition, moniert Schreiner, habe die Partei mit Verabschiedung der Agenda 2010 und der Hartz-IV-Politik gebrochen: „Die Politik der sozialen Demontage führt zur politischen Demontage der ältesten Partei Deutschlands.“

Zahlen scheinen Schreiner recht zu geben. Zehntausende haben ihr Parteibuch zurückgegeben. In der Wähler(un)gunst hält sich die SPD hartnäckig bei unter 30 Prozent. Die seelische Not ist groß, das zeigt ein Brief des Afa-Landesvorstands Berlin an den Genossen Ottmar: „Kann es sein, dass unsere Stimme von den MandatsträgerInnen der SPD immer weniger ernst genommen wird?“ Das kann, das darf nicht sein. Das zu vermitteln, dafür will Ottmar Schreiner stehen.

„Er demonstriert Standfestigkeit, was sozialdemokratische Werte angeht“, sagt Juso-Chef Björn Böhning. Der Parteinachwuchs benötige starke Vorbilder, und genau das sei Ottmar Schreiner. Doch links ist nicht gleich links: „Der Ottmar ist eine gewichtige Stimme im Kanon der Linken“, hebt Ernst Dieter Rossman, Anführer der Linken in der SPD-Bundestagsfraktion, hervor. Wohlgemerkt: nicht die Stimme, sondern eine Stimme.

In Bochum-Höntrop findet sie jedenfalls Gehör: „Du hast uns gezeigt, lieber Ottmar, den Kopf in den Sand zu stecken bringt nichts“, bedankt sich der Vorsitzende der Betriebsgruppe Krupp: „Austritt ist kein Weg!“ Dann geht das Licht aus, und junge Frauen schwingen ihre Hüften zu Klängen aus dem Orient. Ottmar Schreiner und die Genossen dürfen sich verzaubert fühlen. Wie im Märchen. Für kurze Zeit.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

  • Südossetien und Abchasien...

    Südossetien und Abchasien – abtrünnig und weitgehend isoliert

    Die autonomen Gebiete Südossetien und Abchasien in Georgien gelten seit vielen Jahren als Konfliktherde. Beide hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in Bürgerkriegen von Georgien abgespalten. Von der internationalen Gemeinschaft werden sie bis heute aber nicht a...Bildergalerie 

  • Aus dem Frühling in einen...

    Aus dem Frühling in einen frostigen Winter

    In dieser Woche jährt sich das Ende des „Prager Frühlings“ von 1968. Damals wollten tschechoslowakische Reformer das totalitäre System an eine Demokratie annähern. Der Versuch scheiterte in der Nacht zum 21. August 1968, als sowjetische Panzer auf Prag vorrückten.Bildergalerie 

  • „Das Schlimmste steht noc...

    „Das Schlimmste steht noch bevor“

    Die Finanzkrise beherrscht das diesjährige Treffen der Wirtschafts-Nobelpreisträger in Lindau. Die Top-Ökonomen Clive Granger, Daniel McFadden, John Nash und Myron Scholes analysieren für das Handelsblatt die Ursachen und skizzieren Wege aus der Krise. Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Amerika verstehen  Artikel in Merkliste

29.08.2008 von Markus Ziener

So sieht machtvolles Selbstbewusstsein aus: Barack Obama hat am Donnerstagabend demonstriert, was er will. Nicht etwa ehrenhaft mitspielen um den wichtigsten Job in den USA, sondern mit voller Kraft voraus ins Weiße Haus einziehen. Aber ist nach seiner Rede klarer geworden, was er will? Ja und nein. Kommentar

Handelsblatt - Themen des Tages