Wohnen und Miete
„Die wollen die Zitrone ausquetschen“

Wohnen soll bezahlbar sein. Aber was heißt überhaupt bezahlbar? Gibt es das Recht auf eine Wohnung in der City? Und wie sinnvoll ist die Deckelung der Mieten? Im Streitgespräch lassen wir Experten gegeneinander antreten.
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Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes und Michael Voigtländer, Leiter des Fachbereichs Immobilienökonomik, am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sind friedliebende Menschen. Doch in der Handelsblatt-Redaktion bleibt ihnen nichts anders übrig als zu streiten. Klar, beim Thema Mietpreisbremse – zu unterschiedlich sind ihre Meinungen über den Eingriff des Staates und seine Auswirkung. Und dann sind sie sich doch plötzlich einig.

Die Mietpreisbremse kommt. Wer ist Gewinner, wer Verlierer?
Siebenkotten: Die Mieter sind die Gewinner. Die Mietpreisbremse verhindert, dass ein Eigentümer bei der Wiedervermietung einfach 30 oder 40 Prozent draufschlägt.

Voigtländer: Es gibt keine Gewinner – wir sind alle Verlierer. Die Vermieter, weil sie an Freiheit verlieren, zum Beispiel bei der Vertragsgestaltung. Vor allem aber wird sich die Mietpreisbremse gegen die Mieter wenden.

Warum das?
Voigtländer: Die Mietpreisbremse wirkt wie ein Mietstopp. Viele werden sich überlegen, ob es sich noch lohnt, zu vermieten. Und es gibt jetzt schon zu wenige Wohnungen. Die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen werden länger und länger werden.

Siebenkotten: Das ist falsch! Um eins klar zu stellen: Durch die Mietpreisbremse werden nicht mehr oder weniger Wohnungen gebaut. Es geht allein darum, den Anstieg der Mieten auf engen Wohnungsmärkten zu dämpfen. Die Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen werden bei einer gleichbleibenden Zahl von Wohnungen bestimmt nicht länger, nur weil die Miete nicht so rasant angehoben werden darf wie bisher.

Voigtländer: Wenn die Mieten gedeckelt sind, suggeriert dies ein günstiges Preisniveau, was die Nachfrage weiter vom Land in die Stadt treibt – daher noch längere Schlagen bei Wohnungsbesichtigungen.

Die Mieten für Neubauten sind ausdrücklich ausgenommen ...
Siebenkotten: Das gefällt uns in der jetzigen Form nicht. Im ursprünglichen Referentenentwurf stand, dass Neubauten nur bei der Erstvermietung ausgenommen sind, dann aber, wenn hier ein zweiter oder dritter Mietvertrag abgeschlossen wird, die Mietpreisbremse greifen soll, ohne dass dann die Miete sinken müsste. Das wurde nun rausgenommen - bei Neubauten gibt es also gar keine Begrenzung mehr.

Voigtländer: Richtig so. Ein Investor bezieht Mietsteigerungen von vornherein in seine Kalkulation ein. Fallen diese weg, wird er entweder von Beginn an eine höhere Miete ansetzen oder gar nicht erst bauen. Wir brauchen monetäre Anreize, damit etwas getan wird – so funktioniert die Marktwirtschaft.

Herr Siebenkotten, was haben Sie gegen Marktwirtschaft?
Siebenkotten: Nichts, wir leben gern in und mit ihr, sie bedarf allerdings einiger Spielregeln. Ich betone noch mal: Es geht nur darum, die Extreme zu verhindern, wo bei der Wiedervermietung um 30, 40 Prozent erhöht wird. Von der Mietpreisbremse sind zum Beispiel auch die großen Gesellschaften betroffen, hinter denen Finanzinvestoren stehen. Und die haben sowieso kein Interesse daran, neue Wohnungen zu bauen. Die wollen nur die Zitrone noch weiter ausquetschen.

Voigtländer: Es trifft sehr wohl auch die kleinen Vermieter. Niemand vermietet seine Wohnung nur aus Nettigkeit. Er will daran verdienen. Wenn sich das nicht mehr lohnt, werden Eigentümer entweder ihre Wohnungen verkaufen, etwa an Selbstnutzer, denen es nicht auf die Mieteinnahmen ankommt. Oder sie werden versuchen, die entgangenen Einnahmen auf anderem Weg reinzuholen; zum Beispiel über völlig überhöhte Abschlagszahlungen für Küchen, Einbaumöbel oder Parkplätze.

Siebenkotten: Es mag sein, dass manche Vermieter das so machen. Aber das Gros der deutschen Vermieter wird sich gesetzeskonform verhalten. Diese Dinge sind klar im Gesetz geregelt. Daran wird sich auch nichts ändern.

Voigtländer: Wenn die Miete nicht mehr so stark bei der Neuvermietung erhöht werden darf, dann wird sie künftig eben jedes Jahr in kleinen Schritten angehoben.

Kommentare zu " Wohnen und Miete: „Die wollen die Zitrone ausquetschen“"

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  • Im Großen und ganzen ist die Mietpreisbremse einfacher Populismus. Es sind wiedereinmal millionen Steuergelder verschwendet worden für etwas unglaublich sinnloses, dass mir dazu kaum etwas einfällt. Wenn in einem Unternehmen etwas solch dämmliches als Ergebnis herauskäme würde man es sich überlegen alle verantwortlichen Manager zu feuern. Wie auch in der freien Wirtschaft kostet die Arbeit eines Politkers/Beraters/Juristen mindestens 1000 Euro am Tag. Ich weiss nicht wie viele Tage und wie viele Menschen an diesem Schwachsinn gearbeitet haben aber ich kann mehr vorstellen, dass es um Millionen geht. Wir haben dieses Geld bezahlt - es ist Weg! Was haben wir dafür bekommen? Eine Mietpreisbremse, die keine ist. Ich bin grundsätzlich ein Feind solcher Preisbremsen - sie erinnern mich an reaktionäre Handlungen dämmlicher Politfunktionäre eines ZK, aber wenn man wenigstens einfach beschlossen hätte - keine Miete darf um nicht mal einen cent erhöht werden, dann würde man wenigsten eine Fallstudie bezahlen. Ein Grenzfall wäre dann beschrieben worden - und den hätte man dann ausschlachten können. Vielleicht mit einem erfolgreichen Gesetz...

  • Die Diskussionspartner haben nicht verstanden, worum es geht.

    Das Problem letztendich darin, dass die Ansprüche insesondere was die Größe der Wohnung betrifft, innerhalb der letzten 6 bis 7 Jahrezehnt sich massiv erhöht haben. Dazu kommt, dass es immer mehr 1-Personen-Haushalte gibt.

    Und das treibt die Preise, so einfach ist das.

    Wir müssen die Entwicklung einfach umkehren.

    Wir müssen deutlich kleinere Wohnungen und mehr Wohnungen für Mehrpersonenhaushalte nachfragen.

  • @Tom Beck
    Niedrige Mieten im Vergleich zur Rendite. Hohe Mieten im Vergleich zum Einkommen der Mieter. Ich wuerde da nicht unbedingt von Steigerungspotential ausgehen.

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