Wolfgang Bosbach

Psychogramm eines Euro-Abweichlers

Abgeordnete haben nichts zu lachen, wenn sie sich in der Euro-Frage gegen die Fraktionslinie stellen. Wolfgang Bosbach erlebt das derzeit. Das CDU-Urgestein spricht offen über verbale Schläge unter die Gürtellinie.
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Von Parteifreunden massiv unter Druck gesetzt: Wolfgang Bosbach (CDU). Quelle: dpa

Von Parteifreunden massiv unter Druck gesetzt: Wolfgang Bosbach (CDU).

(Foto: dpa)

BerlinZwei Drittel seines Lebens ist Wolfgang Bosbach nun in der CDU. Seit 17 Jahren sitzt er im Bundestag. Neun Jahre war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender, seit 2009 ist er Vorsitzender des Innenausschusses. Unzählige Male hat er die Position der Unionsspitze gelobt, erklärt, verteidigt. Nur für den erweiterten Euro-Rettungsschirm EFSF will er einfach nicht stimmen. Seiner Ansicht nach wird mit dem Milliarden-Hilfspaket die Grenze dessen überschritten, was Parlamentarier noch verantworten können.

Mit seiner ablehnenden Haltung steht Bosbach nicht allein, auch Parteifreunde und Abgeordnete aus den anderen Fraktionen wollen gegen den EFSF votieren. Ob die schwarz-gelbe Koalition trotz mehrerer Abweichler in den eigenen Reihen am Ende auch eine eigene Mehrheit haben wird, ist ungewiss. Fraglich war bis zuletzt aber, ob es für die symbolträchtige sogenannte Kanzlermehrheit reicht. Die liegt bei 311 Stimmen. Um sie allein und ohne die Opposition erreichen zu können, kann sich das Regierungslager 19 Nein-Stimmen oder Enthaltungen aus den eigenen Reihen erlauben.

Die Lage ist knifflig für die Koalition und für Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vielleicht ist das der Grund, warum die Andersdenkenden derzeit so bedrängt werden. Doch wenn man Bosbach zuhört, wie er über den Druck spricht, der auf ihn ausgeübt wird, wie er teilweise regelrecht beschimpft wird, kommt einem das kalte Grausen.

Nach 40 Jahren in der Partei und 17 Jahren im Bundestag habe er gedacht, er habe „alles erlebt, was passieren kann, aber das habe ich unterschätzt“, sagt Bosbach im WDR-Fernsehen „Es sind auch ein paar auf mich zu gekommen, zum Teil auch mit Vorwürfen, die sachlich abwegig und sprachlich völlig unter der Gürtellinie waren. (…) Wenn gesagt wird, der ist ja nur dagegen, weil er der Angela Merkel eins auswischen will, dann wird die Grenze zur üblen Nachrede überschritten. (…) So was muss einem schon an die Nieren gehen, besonders in einer C-Partei.“ Besonders bitter für ihn sei, „dass sich heute diejenigen rechtfertigen müssen, die bei dem bleiben wollen, was die Partei jahrelang gesagt hat.“

Bosbach denkt über Konsequenzen nach
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  • Was ist aus der CDU unter Merkel geworden! Die einstige "Volkspartei" verliert mit ihrem Tun, ihrem allgemeinen Erscheinungsbild, praktisch täglich an Vertrauen im Volk. Es muss der Eindruck entstehen, hier wurde gezielt und geschickt ein Virus Namens Merkel "eingeschleust" und keiner wagt es ihn zu entfernen! Nur weiter so, die anderen Parteien freut`s.

  • Mit Bedauern nehme ich zur Kenntnis, dass die Freiheit der Andersdenkenden innerhalb der CDU tatsächlich bedroht ist. Ein politisch korrekter Prozess wäre die Meinungsbildung von unten nach oben, dabei abweichende Meinungen wie die von W.Bosbach toleriert und eingeschlossen. Im Gegensatz dazu kapselt sich nicht nur die Politiker-Kaste gegen das -zu vertretende- deutsche Volk ab, sondern deren CDU-Anteil auch noch gegen 'Abweichler'. Und das, obwohl gerade die Abweichler noch den Versuch machen, über den Gartenzaun zu blicken.
    Auch hier wäre es ein politischer Gewinn, wenn wir tatsächlich Demokratie wagten und per Volksabstimmung das Koordinatensystem neu einstellten.
    Tatsächlich breitet sich der Schwachsinn aus dem Ausspruch 'wenn der EURO scheitert, scheitert Europa' so platzgreifend aus, dass man ausser Irrtum und Bornierttheit der EFSF- Befürworter auch noch Hysterie befürchten muss.

  • Ich danke Wolfgang Bosbach, Peter Gauweiler, Herrn Schäffler und den anderen sogenannten Euro-Rebellen für ihre Standhaftigkeit bezüglich der Ordnungs- und Stabilitätspolitik. Sie beweisen Rückgrat und Charakter !

    Bleiben Sie im Bundestag ! Leute wie Sie werden dort dringender denn je benötigt.

    Vielen Dank für Ihren aufrichtigen Einsatz.

    Auch Herrn Lammert danke ich an dieser Stelle für seinen Einsatz für die Redefreiheit im Parlament.

    http://99thesen.wordpress.com/2011/09/30/rettungsschirm-fur-rede-und-gewissensfreiheit/

  • Gratulation, Herr Bosbach. Ich bin seit 30 Jahren Mitglied der CDU. Auch ich kann mich mit der jetzigen Politik, die ja überwiegend von der Kanzlerin geprägt wird ( die Richtlinien der Politik werden durch die oder den Kanzler bestimmt )nicht mehr identifizieren. Zum Wohle des Volkes? Hier wird nur noch auf eigene Vorteile abgestellt.

  • Ich kann nur hoffen, dass Herr Bosbach die Energie aufbringt um seine Arbeit weiter fortzusetzten. Mir und auch weiteren überzeugten CDU Anhängern graust es inzwischen, dieser parteipolitischen Muppetshow mit ihren Protagonisten zusehen zu müssen. Günstlingsgestalten wie Kauder, Pofalla usw. sind an Profil- und Rückgratlosigkeit nicht mehr zu überbieten. Genau dieser Typus von "Politiker" ist es , der mit seiner inhaltlichen Inkompetenz und Focussierung einzig auf die eigene Karriere nicht nur unser Land zu Grunde reitet.
    Wir können nur fordern "verschwindet endlich"!!

  • Einer der wenigen Aufrechten!!

  • Ich freue mich das es noch solche Abgeordnete gibt!

  • Ein echter Patriot!

  • Herr Bosbach,nicht beirren lassen! Das "wirkliche Volk" steht hinter Ihnen!

  • Also ich konnte Herrn Bosbach in den letzten Tagen in einem Interview des WDR verfolgen, er machte auf mich einen jämmerlichen und nicht im geringsten überzeugenden Eindruck. Jemand, der sich irgendwie festgefahren hat und nur noch mit 'ja, aber...' argumentiert.

    Man findet sicherlich viele gute Gründe, gegen die heute zur Diskussion stehenden Maßnahmen zu sein, und das ist wichtig in einer Demokratie.

    Nur: Man muss dann eine sowohl politisch als auch ökonomisch gangbare Alternative aufzeigen!!! Einfach nur zu sagen: 'Das ist ein Fass ohne Boden' - ja, und nun weiter? Und vor allem: Wenn man doch weiss, warum wurde dann nicht bereits vor Jahren Druck auf die Schuldensünder ausgeübt?

    Mit den Argumenten der Kritiker wäre Deutschland ín der Nachkriegszeit nicht im geringsten aus dem Post-Nazi-Sumpf zu dem geworden, was es heute ist.

    Es gibt durchaus intelligente Alternativen zum Rettungsfonds (siehe letzte Ausgabe der WiWo), aber was immer man tut: Griechenland ohne Konzept vor die Wand fahren lassen ist völliger Blödsinn.

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