Wolfgang Clement im Interview
Wird der Sozialstaat ausgenutzt? – „Ja, von Anwälten“

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„Ich habe das für einen Witz gehalten“

Trotzdem scheitern viele.
Es gibt tatsächlich Ausnahmen, und das sind Menschen, die jetzt um die 50 Jahre alt sind und arbeitslos werden. In dem Alter haben sie Probleme, einen neuen Job zu finden. Das dürfen wir so nicht laufen lassen. Zu viele Unternehmen sind offensichtlich noch nicht darauf eingestellt, dass Älterwerden heute etwas anderes ist als zur Zeit der Arbeitnehmergeneration meiner Eltern.

Also nicht mit 63 in Rente?
Wir sollten auf eine gesetzliche Befristung der Lebensarbeitszeit komplett verzichten. Unsere stetig steigende Lebenserwartung bedeutet einen gewaltigen Gewinn an bürgerschaftlicher Freiheit und eröffnet dem und der Einzelnen Gestaltungsspielräume, die nicht wieder gesetzlich eingefangen werden sollten. Ich bin sicher: Eine solche politische Entscheidung würde viele Kräfte freisetzen. Und sie wäre auch eine richtige und wichtige Antwort auf den zunehmenden Mangel an Fach- und Führungskräften.

Was ist zurzeit das größte Problem in Sachen Hartz IV?
Die Arbeitsverwaltung leidet, wie Herr Alt vom Vorstand der Bundesagentur kürzlich dargestellt hat, unter erheblichen Fehlentwicklungen. So gehen 50 Prozent der Arbeitszeit der Mitarbeiter in den Arbeitsagenturen in die Leistungsberechnung. Es ist doch abwegig, dass sie ausrechnen sollen, wie viel Kleister zum Tapezieren der Wohnung eines Hartz-IV-Empfängers benötigt wird.

Weil jeder Posten einzeln berechnet wird?
Ich habe das für einen Witz gehalten, es ist aber offensichtlich so. Wir sind in bürokratische Exzesse geraten und die wirken sich zu Lasten der Zeit aus, die für Beratung und Vermittlung zur Verfügung stehen sollte. Das ist ein Unding.

Aber hätten Sie das nicht anders planen müssen?
Wir hatten damals ganz andere Vorstellungen. Wir haben Pauschalen angesetzt. Doch die Sozialgerichte haben in ihrem Bemühen um Einzelfallgerechtigkeit ein regelrechtes Anspruchsgeflecht entwickelt – so dass am Ende sogar der Tapetenkleister eingeklagt werden kann.

Wird der Sozialstaat ausgenutzt?
Ja, von auf solche Fälle spezialisierten Rechtsanwälten.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen stagniert aktuell bei rund einer Million. Arbeitsministerin Andrea Nahles will deshalb die Reform der Reform.
Und da glaube ich nicht, dass es eine richtige Antwort ist, die Bedingungen, unter denen Helferjobs zur Verfügung stehen, zu erschweren. Aber das will die Ministerin.

Kommentare zu " Wolfgang Clement im Interview: Wird der Sozialstaat ausgenutzt? – „Ja, von Anwälten“"

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  • Ich verstehe nicht, das man einen der Mitverursacher unserer Deregulierung u.a. im Arbeitsrecht interviewt ?

    Der von diesen miesen durchschaubaren Machenschaften privat profitiert(e), nach der politischen "Karriere" !

    Warum interviewt Ihr nicht das Unternehmen Wodka Gorbatschow, ob die tägliche Leerung dieser Flasche schädlich ist ?



  • Was war am Beitrag unsachlich?

  • Ich stimme Ihnen zu.

    Wenn Politiker das Volk vertreten, mit welcher Berechtigung nehmen sie sich vorab aus dem Steuertopf mehr Geld als der Durchschnittsbürger beanspruchen darf. Weshalb sind die Pensionen der Politiker über den Renten der Durchschnittsbürger.

    Man könnte auch noch das Thema "leistungsgerechte" Bezahlung anschneiden, dann wird es noch kritischer für die Politiker und insbesondere für solche wie Clement.

    Solche Trittbrettfahrer müssten dann nur noch Zug fahren.

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