Wolfgang Clement im Interview: Wird der Sozialstaat ausgenutzt? – „Ja, von Anwälten“

Wolfgang Clement im Interview
Wird der Sozialstaat ausgenutzt? – „Ja, von Anwälten“

Mindestlohn, Rente mit 63, Mütterente - Ex-SPD-Ikone und Ex-Superminister Wolfgang Clement hat kein Verständnis für die Reformen der Großen Koalition. Im Interview sagt er, was jetzt nötig wäre.
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BonnWenn Wolfgang Clement Zug fährt, erkennen ihn die Menschen. Allerdings nicht immer als der, der er ist: Der ehemalige Wirtschafts- und Arbeitsminister unter Gerhard Schröder wurde schon für Horst Seehofer und Thilo Sarrazin gehalten. Doch der 74-Jährige nimmt es mit Humor. Dabei ist er einer derjenigen, der die Hartz-IV-Reform, eine der größten Reformen der Bundesrepublik, durchgesetzt hat. Wie steht er zehn Jahre später dazu? Und was hält er von der aktuellen Renten- und Arbeitsmarktpolitik?

Wir treffen ihn in seinem Privathaus in Bonn. Wie jeden Morgen ist er schon um sechs Uhr acht Kilometer am Rhein entlang gejoggt, dann ist er bereit zum Interview. Clement hat sich Zeit genommen, seine Frau serviert Kekse, Apfelschnitze, Tee und Kaffee – dann lehnt sich der ehemalige Journalist zurück und los geht’s.

Herr Clement, waren Sie jemals arbeitslos?
Wolfgang Clement: Nein. Ich bin vom Abitur an immer in Jobs gewesen.

Wäre es für Sie dramatisch gewesen, wenn es passiert wäre?
Es wäre jedenfalls kein Vergnügen gewesen. Aber auch eine Herausforderung.

4,3 Millionen Menschen leben heute von Hartz IV, kennen Sie einen davon?
Ja, wir haben Hartz-IV-Empfänger in unserem unmittelbaren Umfeld.

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, am Existenzminimum zu leben?
Durchaus. Ich trage da keinerlei Scheuklappen.

Hartz IV gibt es jetzt seit genau zehn Jahren. Ist alles richtig gelaufen?
Was wir gemacht haben, war wichtig und richtig. Was seither daran geändert worden ist, ist überwiegend nicht richtig.

Konkret?
Ich halte beispielsweise die Abschaffung der Ich-AG für falsch. Sie war stabiler als übliche Unternehmensgründungen. Etliche derer, die eine Ich-AG gegründet haben, sind heute noch selbstständig. Auch die Verlängerung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I von 12 auf 18 Monate war falsch.

Warum?
Es geht – wie oft gesagt – um Fördern und Fordern. Das ist der wichtigste Grundsatz unseres reformierten Arbeitsrechts. Jemand, der heute arbeitslos wird, ist normalerweise binnen drei Monaten wieder im Job. Wir müssen erwarten, dass von Arbeitsuchenden wie von der Vermittlung alles getan wird, um so rasch wie möglich wieder in Arbeit zu kommen.

Kommentare zu " Wolfgang Clement im Interview: Wird der Sozialstaat ausgenutzt? – „Ja, von Anwälten“"

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  • Ich verstehe nicht, das man einen der Mitverursacher unserer Deregulierung u.a. im Arbeitsrecht interviewt ?

    Der von diesen miesen durchschaubaren Machenschaften privat profitiert(e), nach der politischen "Karriere" !

    Warum interviewt Ihr nicht das Unternehmen Wodka Gorbatschow, ob die tägliche Leerung dieser Flasche schädlich ist ?



  • Was war am Beitrag unsachlich?

  • Ich stimme Ihnen zu.

    Wenn Politiker das Volk vertreten, mit welcher Berechtigung nehmen sie sich vorab aus dem Steuertopf mehr Geld als der Durchschnittsbürger beanspruchen darf. Weshalb sind die Pensionen der Politiker über den Renten der Durchschnittsbürger.

    Man könnte auch noch das Thema "leistungsgerechte" Bezahlung anschneiden, dann wird es noch kritischer für die Politiker und insbesondere für solche wie Clement.

    Solche Trittbrettfahrer müssten dann nur noch Zug fahren.

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