Wolfgang Clement
Vom Superminister zum Buhmann

Drei Stunden hat Wolfgang Clement gewartet. Er hat die Klage Franz Münteferings über den Verlust des Sozialen in Wirtschaft und Gesellschaft durchgestanden und dabei abwechselnd seine Schuhspitzen und das gläserne Dach des Atriums im Willy-Brandt-Haus studiert.

Er hat Gerhard Schröders Lob für Münteferings Kapitalismusdebatte über sich ergehen lassen. Er hat zur Kenntnis genommen, wie sich die SPD schrittweise vom Vokabular der Agenda 2010 verabschiedet, als sei sie bereits Opposition.

Dann endlich, am Montagabend um kurz nach acht, vor mittlerweile halb leerem Saal, kommt auch Clement auf dem Heuschrecken-Kongress seiner Partei zu Wort. Mögen Müntefering und der Kanzler mit alten Parolen in den Wahlkampf ziehen, er spielt das Spiel nicht mit. Es sei falsch, die Globalisierung als eine Last zu sehen, widerspricht Clement. Er gibt es seinen Parteifreunden mit Willy Brandt. Der hätte sich nicht träumen lassen, dass seine Idee einer gerechteren Welt durch den Aufstieg von Ländern wie Indien und China eines Tages Wirklichkeit werde. Und als DGB-Chef Michael Sommer gesetzliche Mindestlöhne fordert, immerhin ein potenzieller SPD-Wahlkampfschlager, da kontert Clement knapp: "Wir brauchen in Deutschland mehr Jobs im Niedriglohnsektor."

Ist Clement eine "loose cannon", eine aus der Verankerung gerissene Kanone, die auf dem schlingernden Schiff SPD umherrollt und alles kaputtschlägt? So sehen ihn viele Genossen, und sie hassen ihn dafür. "Manchmal könnte ich den Clement echt an die Wand klatschen", entfuhr es Fraktionsvize Ludwig Stiegler schon vor Jahresfrist.

Egal, wie tief die SPD in der Identitätskrise steckte, immer setzte ihr ungeduldiger Wirtschaftsminister noch eins drauf: Die EU-Dienstleistungsrichtlinie? Muss umgesetzt werden. Die unerwartet große Zahl an Arbeitslosengeld-II-Empfängern? Ein Problem mangelnder Missbrauchsbekämpfung. Auf seinem Feldzug für ein wettbewerbsfähigeres Deutschland schert Clement sich wenig um sozialdemokratische Empfindlichkeiten. "Ich bin ja deshalb so wohl gelitten und so hoch angesehen, weil ich überall das Gleiche sage; bei Ihnen und in meiner Partei", quittierte er bei Sabine Christiansen die Frage nach seinem Verhältnis zur SPD. Die zahlt mit gleicher Münze zurück. "Clement? Wird nicht mehr gebraucht", schildert ein SPD-Mann die Stimmung.

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