Wolfgang Franz
„Der Unmut ist verständlich“

Deutsche Führungskräfte plädieren dafür, private Gläubiger an den Kosten der Krise zu beteiligen. Ist das Plädoyer berechtigt? Über diese und weitere Fragen sprach das Handelsblatt mit dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats, Wolfgang Franz.
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Handelsblatt: Die deutschen Führungskräfte schließen sich der Forderung der Kanzlerin an, private Gläubiger im Krisenfall an Verlusten zu beteiligen. Wäre dieses Verfahren geeignet - oder verschärfte es die Krise eher?

Wolfgang Franz: Nicht nur geeignet, sondern je nach finanzpolitischem Fehlverhalten sogar dringend erforderlich. Es kann schließlich nicht sein, dass Gläubiger hohe Zinsen einstreichen und der Steuerzahler am Ende dafür die Rechnung schultern muss. Der Staat darf künftig nicht wieder in Geiselhaft systemrelevanter Finanzinstitutionen genommen werden.

Ist das nicht eine emotionale, von Wut geleitete Reaktion?

Ganz im Gegenteil, es handelt sich um rationale Überlegungen. Die Nichtbeteiligung der privaten Gläubiger bei eklatantem finanzpolitischem Fehlverhalten des betreffenden Landes stellt ein wesentliches Manko des derzeitigen Rettungsschirms dar. Wüssten die Finanzmärkte nämlich genau, welche Risiken gegebenenfalls auf sie zukommen, bliebe uns vermutlich so manche Turbulenz erspart.

Allein die Diskussion über eine Beteiligung privater Gläubiger hat die Flucht der Anleger aus den Anleihen der Euro-Zone beschleunigt und so die Zinsen in die Höhe getrieben. Halten Sie das Verfahren trotzdem für sinnvoll?

Erstens lässt sich eine solche Diskussion nicht ausschließlich hinter verschlossenen Türen führen, dazu braucht man noch nicht einmal Wikileaks. Zweitens sollen die Risikoaufschläge ja gerade Verschuldungsprobleme signalisieren und so die betreffenden Länder finanzpolitisch disziplinieren.

Sie schlagen eine einheitliche Finanzaufsicht im Euro-Raum vor. Wie soll die aussehen?

Die Reform der Finanzaufsicht in Europa hat eine Vielzahl von neuen Aufsichtsorganen meist ohne wirksame Eingriffsrechte hervorgebracht. Diese Fragmentierung ist jedoch nicht sonderlich effizient. Vielmehr sollten einer unabhängigen und einheitlichen Finanzaufsicht für den Euro-Raum alle relevanten mikroökonomischen Daten sowie wirksame bankenaufsichtsrechtliche Instrumente zur Verfügung gestellt werden.

Verblüfft es Sie, dass die Firmen Groll gegen die Banken hegen und sie an den Kosten der Krise beteiligen wollen?

Verständlich ist ein solcher Unmut schon, aber nicht nur die Banken trifft die Schuld. Auslöser der Finanzkrise waren schließlich geld- und sozialpolitische Fehlentwicklungen in den Vereinigten Staaten. Der Groll kommt vielleicht auch daher, dass man sich nur schwer des Eindrucks erwehren kann, die Banken wollten ohne Umschweife wieder zur Tagesordnung übergehen.

Kommentare zu " Wolfgang Franz: „Der Unmut ist verständlich“"

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  • "Der Staat darf künftig nicht wieder in Geiselhaft systemrelevanter Finanzinstitutionen genommen werden."

    Sehr gut, Herr Franz - Und nun bitte diese Logik auf die staatlicherseits aufgestockten Niedriglöhne anwenden, dann paßt es!

  • Man sollte endlich die USA an den Pranger stellen und unter Druck setzen, für die von US-banken und der mangelnden US-Finanzaufsicht verursachten Suprime-Krise aufzukommen! Dort sitzen die betrüger und Gauner!

  • letzter Versuch, wenn's dann nicht klick gemacht hat, dann seit ihr ein hoffnungsloser Fall und euch kann nicht geholfen werden!
    1. Europa samt bevölkerung macht gerade mal 5% der Erdbevölkerung aus.
    2. Die neuen aufstrebenden Länder liegen alle nicht in Europa
    3. Europa ist bis auf wenige Ausnahmen überaltert
    4. Europa ist sich in Politik und Wirtschaft uneins
    5. Europa gerät immer weiter in die Krise, aber man redet immer um den heissen brei herum
    6. Die Eitelkeiten einzelner Personen (Politiker) ist so stark, dass diese Leute den blick für's wesentliche schon lange verloren haben
    7. Die Ungleichgewichte in der EU in Wirtschaft, Steuerrecht, Justiz, etc. sind so immens, dass es wenn überhaupt mindestens nochmal 50 bis 100 Jahre dauert bis hier alles gerecht und gleichwertig installiert wurde
    8. Durch Verschleierung und Reduktion der Demokratie bzw. Abwälzung der ganzen Kacke auf dass Volk, dass jetzt schon nicht weiß was morgen kommt, wird es irgendwann zur Entladung dieses Frustes kommen
    9. Wir brauchen authentische Volksvertreter, wenn wir sie denn überhaupt brauchen
    10. Momentan wird versucht den Menschen eingzuetrichtern, dass man mit leerem Tank in den Urlaub und zurüch fahren kann. bloß wer zahlt dann für denn Abschleppdienst, nachdem das Fahrzeug namens EU nach 3 Kilometer mitten auf der Autobahn stehengeblieben ist?
    Wir werden auf dieser Autobahn von vielen neuen Ländern überholt, wie z.b. China, indien, brasilien, Türkei, Mongolei, indonesien, Süd-Korea, und, und, und
    10. Wenn wir alle im selben boot sitzen und jeder will in eine andere Richtung fahren, werden wir nie einen sicheren Hafen ansteuern!
    11. Wo steht geschrieben, dass man sich immer belügen, unterdrücken und mit Steuerlast
    bis zum Exodus ausnehmen lassen muss? Scheißen unseren Eliten wohl Goldeier oder
    wie erklärt sich denn sonst dass die immer nach Oben fallen?
    11. ist ist ja schön, wenn sich hier einige im Detail auskennen, aber wie schon Herr Geißler meinte, man muss es so aussprechen, dass es jeder versteht. Nur so schafft man transparenz.


    Schönes Wochenende und schöne Feiertage

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