Wortkarger SPD-Parteichef
Münteferings Machtgeheimnis: Unklarheit

Die Öffentlichkeit hat Sigmar Gabriel nie gescheut. Doch wer sich derzeit im politischen Berlin bewegt, der kann der Omnipräsenz des 46-jährigen SPD-Politikers kaum entgehen. Schon während der Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD, an denen er nicht beteiligt war, spazierte der kugelige Niedersachse mittags gerne vom Reichstag herüber zur Parlamentarischen Gesellschaft.

BERLIN. Auf dem sonnigen Vorplatz plauderte Gabriel nicht nur mit Touristen, sondern ließ sich auch bereitwillig von den wartenden Kameras abfilmen. Seit seiner Nominierung zum Umweltminister trägt Gabriel bevorzugt eine neon-orange Krawatte, die im Fraktionssaal besonders gut zur Geltung kommt, wenn sich ihr Träger – eben ganz Schröders Schule – lässig des Sakkos entledigt und in Hemdsärmeln argumentiert.

Sieht so die neue SPD aus? Jedenfalls wird Gabriel der jüngste Sozialdemokrat am Kabinettstisch sein. An seinem rhetorischen Talent bestehen keine Zweifel. Und wer ihn im Plenarsaal des Bundestags unruhig mit dem blauen Sessel vor- und zurückfahren sieht, bekommt einen Eindruck von seinem Machtwillen. Aber der unumstrittene Hoffnungsträger seiner Partei für die Nach-Schröder-Ära ist Gabriel sicher nicht. Dass ökologisch orientierte Genossen die Berufung des bekennenden Anti-Grünen zum Umweltminister für „einen bitteren Witz“ halten, muss man nicht überbewerten. Doch schwer wiegt der Vorwurf der mangelnden Verlässlichkeit und Teamfähigkeit. „Es wäre schön, wenn Gabriel heute mal dasselbe im Fernsehen erklärt wie gestern“, lästert ein Parteifreund.

Das ist sie also, die vertrackte Situation der Sozialdemokraten, nachdem Kanzler Gerhard Schröder offiziell seinen Rückzug aus der Politik angekündigt hat: „Es gibt keinen Kronprinzen“, gesteht ein Mitglied der Parteispitze: „Das neue Machtzentrum muss sich erst entwickeln.“ Heftige Auseinandersetzungen zwischen Parteispitze, Fraktion und Basis sind dabei garantiert – zu weit liegen die einzelnen Gruppen derzeit inhaltlich auseinander, zu sehr misstrauen sie sich.

Vor gut einer Woche ist die SPD jäh aus ihrem Gerd-bleib-bei-uns-Rausch aufgewacht. Wenig später saß sie am Verhandlungstisch mit der lange angefeindeten CDU-Kanzlerkandidatin Angela Merkel. Der linke Fraktionsvize Ludwig Stiegler, der Merkel noch Anfang des Monats bezichtigt hatte, sie wolle „alles, was die SPD seit 1863 erkämpft hat“, zerstören, legt nun friedlich mit CSU-Chef Edmund Stoiber die gemeinsame schwarz-rote Wirtschaftspolitik fest. Verglichen mit der Union schüttelt sich die SPD bislang erstaunlich geräuschlos zurecht. Einmal noch prangerten die scheidenden Minister Wolfgang Clement und Renate Schmidt den Verzicht ihrer Partei auf das Wirtschafts- und Familienressort als „grundverkehrt“ und „grundlegend falsch“ an. Auch im Vorstand gab es skeptische Fragen, ob man sich bei den Verhandlungen wirklich die richtigen Ressorts gesichert habe. Doch nach der Präsidiumssitzung am Montag konnte Generalsekretär Klaus Uwe Benneter verkünden: „Es gab keine Kritik mehr.“

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