Deutschland

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Wulff-Nachfolge: Glückwunsch Deutschland - Gauck wird Präsident

Joachim Gauck soll Bundespräsident werden. Nach dem Einlenken der Kanzlerin ist der Weg für den DDR-Bürgerrechtler frei. Bei der Wahl in der Bundesversammlung am 18. März kann er sich auf eine breite Zustimmung stützen.

Biographie Vom Pastor zum Bürgerrechtler und Politiker

Am Ende ist die Kanzlerin doch eingeknickt: Die Nominierung des Bürgerrechtlers und Theologen Joachim Gauck für das Amt des Bundespräsidenten ist gleichzeitig ein Eingeständnis von Angela Merkel (CDU), im Sommer 2010 mit Christian Wulff auf den falschen Mann gesetzt zu haben.

Bild: dapd

BerlinDer ostdeutsche Theologe und ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck soll neuer Bundespräsident werden. Die Koalition habe sich mit Rot-Grün auf den früheren DDR-Bürgerrechtler geeinigt, um einen überparteilichen Kandidaten zu finden, sagte Merkel am Sonntagabend bei einer gemeinsamen Pressekonferenz der Parteichefs.

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Der einstige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde dürfte nun von der Bundesversammlung mit übergroßer Mehrheit zum Nachfolger des am Freitag zurückgetretenen Christian Wulff gewählt werden. Gauck zeigte sich überwältigt und sprach von einem „besonderen Tag“ in seinem Leben. Damit werden bald zwei Ostdeutsche an der Spitze des Staates stehen.

Gauck sagte auf der Pressekonferenz, er sei kein „Supermann“ und müsse sich die Vorschußlorbeeren erst verdienen. Die Bevölkerung müsse „politisch wieder Vertrauen gewinnen“. Gauck gestand offen ein, von der Nominierung „verwirrt zu sein. Er komme soeben aus dem Flieger, habe erst im Taxi Merkels Anruf bekommen und sei „nicht mal gewaschen“.

Die Bundesversammlung soll Gauck am 18. März zum neuen Bundespräsidenten zu wählen. Den Termin bestätigte eine Sprecherin von Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) am Montag in Berlin. Wann Lammert die Bundesversammlung offiziell einberufen werde, sei noch nicht klar. Am Dienstag solle es noch einmal ein Treffen geben, um organisatorische Fragen zu klären.

Kommentar Eine Zwangsheirat

Erst als Merkel nicht mehr anders konnte, stimmte sie der Kandidatur Gaucks zu. Jetzt muss sie die politische Niederlage in einen Sieg ummünzen.

Gauck sagte, bei der Annahme der Kandidatur für das Staatsoberhaupt habe ihm unglaublich geholfen, dass die Koalition, SPD und Grüne sich zusammengefunden hätten. An Merkel persönlich gerichtet sagte Gauck, das Wichtigste für ihn sei immer gewesen, dass sie ihm Vertrauen und Hochachtung gezollt habe.

Merkel betonte, Gaucks Lebensthema sei die „Idee der Freiheit in Verantwortung“. Dies verbinde sie als Ostdeutsche - „bei aller Verschiedenheit“ - mit Gauck. „Unsere Sehnsucht nach Freiheit hat sich 1989/90 erfüllt.“

Die Gauck-Gespräche Eingeknickte Kanzlerin

Angela Merkel hat in der Gauck-Frage etwas für sie sehr Unerwartetes getan: Sie gab klein bei - und das gegen den geschwächten Partner FDP. Und doch könnte die Kanzlerin aus ihrer 180-Grad-Wende noch Profit schlagen.

Der in der Bevölkerung beliebte Gauck war bei der Wahl des Bundespräsidenten 2010 dem von Merkel favorisierten CDU-Politiker Wulff knapp unterlegen - damals als Kandidat von SPD und Grünen.

SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte mit Blick auf die damalige Ablehnung von Gauck durch Union und FDP: „Ich bin sicher, dass inzwischen alle (...) die nicht erfolgte Wahl von Gauck vor zwei Jahren bedauern.“ Nach dem gescheiterten Anlauf mit Gauck 2010 laute nun das Motto: „Ende gut, alles gut“. Gauck könne die Kluft zwischen Bürgern und politischer Klasse schließen.

Ausdrücklich lobte er, Merkel und die Koalition hätten „offene und faire“ Gespräche mit der Opposition gesucht, um einen überparteilichen Kandidaten zu finden. Gauck zeichne sein Kampf für Demokratie und Freiheit aus.

  • 20.02.2012, 19:50 UhrSpiegelfechter

    Die vierte Macht im Staate?!

    Nach monatelangem Dauerbeschuß der Deutschen Medienlandschaft, die wie die Lemminge dem neuen Leit(d)medium mit den großen Buchstaben gefolgt ist, nahm die
    Medienhatz auf den Bundespräsidenten das vorhersehbare Ende. Das Ergebnis an sich ist für das Land verkraftbar. Viel schwerer wiegt, daß sich die deutsche Medienlandschaft aus dick gepolsterten Sesseln heraus in unverhältnismäßiger Weise an im Vergleich zum eigenen Verhalten gemessen als Petitessen einzustufenden Sachverhalten abgearbeitet hat.
    Sachlichkeit, Genauigkeit oder Wahrhaftigkeit waren als Leitlinien einer verantwortlich agierenden Medienlandschaft kaum erkennbar. Verdächtigung,Vorverurteilung und der Blick auf den eigenen Erfolg (Geldbeutel) oder die Quote waren erkennbarer Handlungsmaßstab. So ist BILD lt. Spiegel aus der Phalanz der selbsternannten Präsidentenjäger ausgebrochen, um mit der ersten Verdachtsschlagzeile heraus zu kommen. Weshalb wohl ?
    Zuletzt stimmten auch die Ö.R. in den Verdächtigungschor ein - nicht ohne korrekterweise beiläufig auf die jedem zustehende Unschuldsvermutung zu verweisen, die man eben zuvor mit bloßen Behauptungen ad absurdum geführt hat.
    Unser Problem in Deutschland ist eine Medienlandschaft, die Maßstäbe, die sie regelmäßig bei anderen anlegt, regelmäßig unter dem Schutz der Pressefreiheit gegenüber anderen mit Füßen tritt. Zur Freiheit gehört Verantwortung, leider sind stattdessen Selbstüberschätzung, Profilneurose und Geldgier Handlungsmaximen - z.B. beim Moderator mit dem alterslosen Klassenkaspergesicht, den oberflächliche Zeitgenosssen für präsidiabel halten und seinen geldgierigen Kolleginnen und Kollegen, die viel zu oft mit ein paar mehr oder weniger wichtigen Zeitgenossen garniert, "ihre" Wahrheiten unters Volk bringen. Sie haben nun das Volk mehrheitlich hinter dem künftigen Präsidenten versammelt - hoffentlich kann´s dieser nun richten mit unserer sogenannten vierten Gewalt im Staate. Zu wünschen wär´s uns allen.

  • 20.02.2012, 18:05 UhrRadiputz

    Ein Staat ohne Staatsoberhaupt mutiert zu einem (Staats)Gebilde wo der Staat allmählich verschwindet und nur noch das Gebilde übrig bleibt. Wer übernimmt dann das Gebilde? Offenbar die EU. Leute wie Sie wollen sich auch von der Politik verabschieden und denken letzlich sollen sollen doch alles die anderen machen. Motto "Macht doch euren Dreck aleene". Das kanns wohl auch nicht sein.
    Direktwahl ist in Ordnung, Abschaffung eine Amputation.
    Der BP hat Gesetzte auf ihre Verfassungstreue zu untersuchen, bevor er sie unterschreibt und sie gültig werden.

  • 20.02.2012, 17:48 UhrNosferatu

    Völlig richtig. Es war der irrige "Einhegungsglaube" konservativer Politiker, der A.H.an die Macht brachte. Sie hatten ihn alle unterschätzt und sich selber überschätzt.
    Aber das ist ein grundsätzliches Dilema. Am Anfang einer Reise weiß man oft nie, wo es wirklich hingeht. Nicht alles ist planbar und "Überraschungen" sind vorprogrammiert und manchmal sogar Teil des Gesamtsystems. So bleibt bis zu einem bestimmten Punkt vieles offen, um dann umso schneller und unaufhaltsam in eine Richtung zu laufen, die sich als äußerst verhängnisvoll erweisen kann. Siehe A.H. und NS.

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