Zahl der Pflegebedürftigen explodiert
Deutschland wird zur Pflegestation

Weil die Bevölkerung immer älter wird, wird auch die Zahl der Hilfsbedürftigen in Deutschland drastisch steigen. Neuste Berechnungen gehen von einer Zunahme um 58 Prozent bis 2030 aus. Dabei landen immer mehr alte in teuren Heimen, anstatt von der Familie versorgt zu werden.

BERLIN. Auf Kranken- und Pflegeversicherung kommen in den nächsten Jahrzehnten massive Belastungen. Nach aktuellen Modellrechnungen des statistischen Bundesamts könnte die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 um 58 Prozent von heute 2,1 auf 3,4 Millionen steigen. Gleichzeitig droht ein Anstieg teurer Krankenhausbehandlungen um 12 Prozent von 17 auf 19 Millionen. Die Krankenhausbehandlung macht mit 65 Mrd. Euro im Jahr den größten Teil der Krankenkassenausgaben aus.

Ursache für diesen rasanten Anstieg ist die steigende Zahl an Älteren bei sinkender Gesamtbevölkerung. Nach den Ergebnissen der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung wird die Zahl über 60-Jährigen bis 2030 von heute 20,5 Millionen auf 28,4 Millionen und die der über 80-Jährigen von 3,6 auf 6,3 Millionen ansteigen. Die neuen Ergebnisse bestätigen damit weitgehend frühere Prognosen, etwa des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung oder der Rürup-Kommission.

Sämtliche Studien gehen davon aus, dass das Risiko zu erkranken oder pflegebedürftig zu werden, in Zukunft mit steigendem Alter in gleicher Weise zunimmt wie heute. Während beispielsweise die „Pflegewahrscheinlichkeit“ bei einem/einer 70-Jährigen nur bei fünf Prozent liegt, erreicht sie bei Menschen jenseits des 90. Lebensjahres 60 Prozent. Dies steht jedoch im Widerspruch zur Erwartung vieler Experten, dass wegen des medizinischen Fortschritts und der stetigen Verbesserung der Lebensumstände die Menschen in Zukunft nicht nur länger leben, sondern auch länger gesund bleiben werden.

Das Statistische Bundesamt untersuchte daher in einer zweiten Modellrechnung, wie sich die Belastungen von Pflege- und Krankenversicherung entwickeln werden, wenn sich die heutigen Behandlungs- und Pflegequoten entsprechend dem Anstieg der Lebenserwartung in höhere Altersklassen verschieben. Dann würde sich die Zahl der Pflegebedürftigen bis 2030 nur auf drei Millionen erhöhen. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen stiege nur um knapp eine Million auf 17,9 Millionen im Jahr 2020 und würde danach bis 2030 sogar leicht sinken. Noch günstiger könnte die Entwicklung verlaufen, sollten sich die Behandlungsmöglichkeiten bei Krebs und Herz- und Kreislauferkrankungen deutlich verbessern sollten. Denn diese Krankheiten sind die Hauptursache für Krankenhauseinweisungen jenseits des 60. Lebensjahres.

Wie stark die Alterung der Bevölkerung die Pflegekassen am Ende belasten wird, hängt neben dem Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen auch davon ab, wie viele von ihnen in Zukunft von Angehörigen betreut werden können. Hier sieht das Statistische Bundesamt einen klaren Trend zur teuren Pflege in Heimen: Seit 1999 wuchs die Zahl der dort Betreuten um 18 Prozent (bis 2005). Um 14 Prozent stieg die Zahl der Pflegebedürftigen, die von ambulanten Pflegediensten betreut wurden. Dagegen sank die Zahl der ausschließlich von Angehörigen Versorgten um fünf Prozent. Insgesamt sank damit der Anteil der zu Hause Betreuten von 72 auf 68 Prozent. Als Ursache machen die Statistiker aus, dass schon heute wegen der gestiegenen Mobilitätsanforderungen immer mehr Kinder nicht mehr in der Lage sind, Eltern oder Schwiegereltern zu pflegen. Ein Trend, der sich verschärfen dürfte.

Die Opposition wertete die Prognose gestern als Beleg für das Versagen der Bundesregierung in der Pflegepolitik. Mit der vergangene Woche beschlossenen Pflegereform werde die Finanzierung der Pflege nur bis 2015 gesichert, sagte die Pflegeexpertin der Grünen, Elisabeth Scharfenberg. Offenbar sei es der Koalition schlicht gleichgültig, wie kommende Generationen die wachsende Pflegelast schultern sollen.

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