4 Bewertungen ****
25.07.2008 
Boom schwächt sich ab

Zahl der Zeitarbeiter erreicht neuen Rekordstand

von Dietrich Creutzburg

Die Zahl der Zeitarbeiter in Deutschland hat im Durchschnitt des Jahres 2007 erstmals die Marke von 700 000 übersprungen und damit einen neuen Rekordwert erreicht. Der Anstieg hat sich allerdings in der zweiten Jahreshälfte erheblich verlangsamt. Die neuen Daten der Bundesagentur für Arbeit liefern der Regierung Zündstoff.

Arbeitssuchende in einer Arbeitsagentur. Neue Zahlen der Behörde belegen einen weiteren Boom bei der Zeitarbeit - doch das Wachstum verlangsamt sich. Foto: dpaLupe

Arbeitssuchende in einer Arbeitsagentur. Neue Zahlen der Behörde belegen einen weiteren Boom bei der Zeitarbeit - doch das Wachstum verlangsamt sich. Foto: dpa

BERLIN. Die Zahlen ergeben sich aus neuen Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA), die dem Handelsblatt vorliegen. Damit verdichten sich Anzeichen, dass der konjunkturelle Aufschwung am Arbeitsmarkt seinen Höhepunkt inzwischen überschritten hat. Dieselbe Diagnose stellt die Behörde unabhängig davon auch in einem gestern offiziell vorgelegten Finanzbericht.

Konkret waren laut BA-Statistik im Jahr 2007 durchschnittlich 715 056 Menschen in Zeitarbeit beschäftigt. Das sind gut 135 000 mehr als im Jahr zuvor. Im Jahresverlauf hat sich das Bild allerdings deutlich verschoben: Bewegten sich die Zuwächse gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat im ersten Halbjahr 2007 noch in einer Größenordnung von 170 000, so gingen die Zuwächse bis Jahresende schrittweise auf nur noch 90 000 zurück. Seit die rot-grüne Koalition vor fünf Jahren die Vorschriften für Zeitarbeit gelockert hat, hat sich die Gesamtzahl der Zeitarbeiter dennoch inzwischen mehr als verdoppelt.

Die Daten liefern damit weiteren Zündstoff für die politische Debatte. Denn Gewerkschaften und SPD drängen darauf, Zeitarbeit durch Mindestlöhne und weitere Regulierungen einzudämmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat dagegen soeben die Bedeutung der Zeitarbeit als „Flexibilitätsinstrument“ bekräftigt. Das Spezielle dieser Beschäftigungsform ist: Die Arbeitnehmer sind bei einem Personaldienstleister angestellt, der sie gegen Gebühren „verleiht“. Die entleihenden Firmen sind dann nicht an den Kündigungsschutz gebunden. Die Gewerkschaften beklagen einen erhöhten Konkurrenzdruck auf die Stammbelegschaften. Sie werfen den Firmen vor, Zeitarbeit oft nicht als Flexibilitätspuffer zu nutzen, sondern zum Drücken von Löhnen.

Das Abflauen des Zeitarbeitsbooms im zweiten Halbjahr 2007 deutet indes darauf hin, dass auch starke konjunkturelle Kräfte am Werk sind. Nach dem üblichen Verlaufsmuster, nutzen Firmen in der Frühphase eines Aufschwungs erst verstärkt Zeitarbeit. Stabilisieren sich dann die Aussichten, geht der Anteil der Zeitarbeiter an den Neueinstellungen zu Gunsten von Stammpersonal zurück.

Prognosen zur künftigen Arbeitsmarktentwicklung erlaubt die Zeitarbeitsstatistik kaum, da die BA sie nur zweimal jährlich mit großer Verzögerung aktualisiert. Sollte sich die Tendenz fortsetzen, würde dies zu einem ausklingenden Aufschwung passen. Im Juni hatte der Arbeitsmarkt aber noch positiv überrascht: Trotz wachsender Konjunktursorgen setzte sich der Abbau der Arbeitslosigkeit mit altem Tempo fort – auf 3,2 Millionen.

In ihrem aktuellen Finanzbericht gibt sich die Behörde beim Blick auf die Zukunft dagegen bereits skeptischer als bisher. Zwar sei es „noch zu früh, um von einem Ende der positiven Entwicklung sprechen zu können“, schreibt sie. Der Höhepunkt scheine aber „bereits überschritten“. Abweichend von den Plänen der Union unterstreicht sie damit auch ihre Vorbehalte gegen eine weitere Senkung des Beitragssatzes: Kehre sich der bisherige Arbeitsmarkttrend um, werde ihr Etat „rasch einer Doppelbelastung aus sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben ausgesetzt sein“, warnt die BA. Bis zur Jahresmitte hatten sich ihre Finanzen mit einem Defizit von 3,3 Mrd. Euro um gut 2,5 Mrd. Euro besser entwickelt, als in der Haushaltsplanung kalkuliert.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterBildergalerien

 

zurück vor
  • „Datendieben den Garaus m...

    „Datendieben den Garaus machen“

    Auf einem Gipfeltreffen, das heute in Berlin stattfindet, suchen die Bundesregierung und Verbraucherverbände Wege, den illegalen Handel mit Kundendaten einzudämmen. Unternehmen fürchten das Verbot und warnen vor zu viel Regulierung. Einen Kompromiss zu finden könnte sc...Bildergalerie 

  • Auftritt der Supermutter

    Auftritt der Supermutter

    Hurrikan Gustav und eine Schwangerschaft wirbelten den Parteitag der Republikaner durcheinander. Doch Vizekandidatin Palin begeisterte trotz des Familien-Skandals.Bildergalerie 

  • Krönung und Konfetti

    Krönung und Konfetti

    Der Parteitag der Demokraten ist im vollen Gang. Die Show in Denver soll Begeisterung und Siegesgewissheit vermitteln. Es geht darum, die Herzen der Amerikaner zu gewinnen. Bildergalerie 

  • Südossetien und Abchasien...

    Südossetien und Abchasien – abtrünnig und weitgehend isoliert

    Die autonomen Gebiete Südossetien und Abchasien in Georgien gelten seit vielen Jahren als Konfliktherde. Beide hatten sich nach dem Zerfall der Sowjetunion in Bürgerkriegen von Georgien abgespalten. Von der internationalen Gemeinschaft werden sie bis heute aber nicht a...Bildergalerie 

 

Handelsblatt Experten + Meinungen

Handelsblatt-Kommentar

Mac bleibt Mac - aber reicht das?  Artikel in Merkliste

05.09.2008, 09:13 Uhr von Georg Watzlawek

John McCain ist sich bei seiner Abschlussrede auf dem Parteitag der Republikaner treu geblieben. Auf direkte Angriffe auf seinen Konkurrenten Barak Obama verzichtet er. Allerdings auch auf jeden konkreten Verweis, wie er seine Lebenerfahrung zum Wohle der Amerikaner im Inneren einsetzen will. Kommentar